Rehan Neziri

 

 

Bewahrung religiöser und nationaler Identität im Westen:
Herausforderungen, Dilemmata und Horizonte der Hoffnung

 

 

In einer zunehmend vernetzten Welt, in der die Bewegung von Menschen, Ideen und Kulturen zur alltäglichen Realität geworden ist, gewinnt die Frage der Identität besondere Bedeutung – insbesondere für Muslime, die in westlichen Gesellschaften leben. Die grundlegende Frage lautet dabei nicht nur: „Wo leben wir?“, sondern tiefergehend: Wer sind wir, was bestimmt uns, und wie können wir uns selbst treu bleiben, ohne uns von der Gesellschaft zu isolieren, in der wir leben?

 

Was ist Identität?

Identität zeigt sich in der Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ Sie ist verbunden mit dem Gefühl, trotz fortwährender innerer und äusserer Veränderungen mit sich selbst identisch zu bleiben. Auch wenn sich der Mensch in seinen Gedanken, Erfahrungen und sozialen Rollen wandelt, bewahrt er doch ein Empfinden von Kontinuität – eine Art „Achse“, die seinem Leben Sinn verleiht.

Identität ist jedoch nicht bloss etwas Innerliches. Sie entsteht in einem fortwährenden Wechselspiel zwischen der subjektiven Innenwelt und der umgebenden sozialen Realität. Genau hier liegt die Herausforderung: Wie lassen sich das, was wir fühlen und glauben, mit den Erwartungen, Normen und kulturellen Prägungen des Umfelds in Einklang bringen, in dem wir leben?

 

Von Identität als Essenz zu Identität als Prozess

Lange Zeit wurde Identität als eine unveränderliche Essenz verstanden – als eine Substanz, die vererbt wird und ein Leben lang gleich bleibt. Aus dieser Perspektive sollte das äussere Verhalten des Menschen stets ein unmittelbarer Spiegel seines inneren Wesens sein.

Das zeitgenössische Denken hingegen begreift Identität als einen dynamischen Prozess, der sich fortwährend durch Lebenserfahrungen, soziale Beziehungen und kulturelle Kontexte formt. Der Mensch verfügt nicht nur über eine einzige Identität, sondern über mehrere Identitätsebenen, die nebeneinander bestehen: religiöse, nationale, kulturelle, berufliche. Diese Ebenen widersprechen einander nicht, sondern verlangen nach Ausgleich und kluger Gestaltung.

An dieser Stelle ist zu betonen, dass eine Gefahr dann entsteht, wenn Identität absolut gesetzt und als etwas Starres behandelt wird. Eine solche Sichtweise findet sich sowohl in rechtspopulistischen politischen Bewegungen als auch in bestimmten konservativen islamischen Strömungen, die Identität fanatisch bewahren wollen, ohne Raum für Reflexion und Anpassung zu lassen.

 

Religiöse und nationale Identität

Nationale Identität ist mit dem Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Nation oder einem Staat verbunden und gründet auf Elementen wie Sprache, Geschichte, Kultur, Territorium, Ethnie und Religion. Die islamisch-religiöse Identität hingegen umfasst den Glauben (Iman), die religiöse Praxis (Islam), die Moral (Akhlaq), die islamische Kultur, Geschichte und Tradition sowie das Zugehörigkeitsgefühl zur Umma.

Die Realität zeigt, dass es Religionen mit vielen Völkern und Völker mit vielen Religionen gibt. Der Islam verwirklicht sich weltweit in unterschiedlichen kulturellen Ausprägungen: Er bewahrt seinen Kern, nimmt jedoch lokale Färbungen an. Dies belegt, dass Vielfalt den Glauben nicht schwächt, sondern die islamische Erfahrung bereichert.

 

Religion im Westen: vom Säkularismus zur religiösen Rückkehr

Westliche Gesellschaften haben einen Wandel von einer ausgeprägten säkularen Phase – in der Religion in den privaten Raum gedrängt wurde – hin zu einer post-säkularen Realität durchlaufen, in der Religion erneut als gesellschaftlicher Faktor sichtbar wird. In diesem Kontext einer „multiplen Moderne“ stehen Muslime vor zwei extremen Wegen: Assimilation oder Isolation.

Assimilation bedeutet, die eigene Identität aufzugeben, um vollständig in einer anderen aufzugehen. Dieser Weg wird oft aus Bequemlichkeit gewählt – um nicht aufzufallen und die Mühe der Auseinandersetzung mit Unterschieden zu vermeiden. Der Preis dafür ist jedoch hoch: der Verlust des eigenen Selbst.

Die gesündere Alternative ist Integration – die aktive Teilhabe an der Aufnahmegesellschaft unter Wahrung religiöser, kultureller und nationaler Besonderheiten. Integration ist ein wechselseitiger Prozess: Sie erfordert Offenheit und Akzeptanz seitens der Mehrheitsgesellschaft, ebenso wie Verantwortung und Engagement seitens der Migranten.

 

Praktische Wege zu einer klugen Integration

Erfolgreiche Integration bedeutet die Achtung der Gesetze und der verfassungsmässigen Ordnung, das Erlernen der Landessprache, die aktive Beteiligung am sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben sowie die Bereitschaft, Identität als Prozess und nicht als Schutzmauer zu verstehen. Diese Neuformulierung der Identität bedeutet keine Abkehr von islamischen Prinzipien, sondern deren erneute Lektüre im Licht des jeweiligen zeitlichen und räumlichen Kontexts.

Die Gründung von Gemeinschaften und Organisationen ist für das Zugehörigkeitsgefühl unerlässlich, doch dürfen sie nicht zu abgeschotteten Ghettos werden. Der leitende Grundsatz bleibt der des Propheten s.a.w.s.: „Der von Allah am meisten Geliebte ist derjenige, der den Menschen am nützlichsten ist“. Dieses Prinzip stellt den gesellschaftlichen Nutzen ins Zentrum des Glaubens.

 

Inspirierende Beispiele und Horizonte der Hoffnung

Zeitgenössische muslimische Denker betonen, dass die Identität des Muslims offen, dynamisch und prinzipienbasiert ist – stets im Dialog mit der Realität. Der Muslim im Westen sollte weder ein „Muslim ohne Islam“ sein noch ein „Muslim, der in Europa lebt, aber ausserhalb Europas steht“.

Ein bedeutendes Vorbild ist Yusuf a.s., der trotz seines Lebens in der Fremde hohe staatliche Verantwortung übernahm und zum Wohl der Gesellschaft beitrug, in der er lebte, ohne seine religiöse Identität zu verlieren. Dieses Modell zeigt, dass ein fester Glaube und gesellschaftliches Engagement sich nicht ausschliessen, sondern einander ergänzen.

Abschliessend lässt sich festhalten: Die Bewahrung religiöser und nationaler Identität im Westen ist kein Kampf des Rückzugs, sondern ein Prozess, der bewusst, glaubensstark und weise gelebt werden will. Sie erfordert spirituelle Tiefe, soziale Intelligenz und moralischen Mut, man selbst zu bleiben und zugleich ein aktiver und nützlicher Teil der Gesellschaft zu sein, in der wir leben.