Rehan Neziri
Friede und Segen Gottes seien mit dir, o Gesandter Gottes!
In diesen Tagen, da wir erneut deiner Geburt gedenken, kam mir der Gedanke, ob wir dich – in deiner Lehre und Praxis – wirklich richtig verstanden haben.
Heute beschimpfen und beleidigen wir einander bereits bei der Frage deiner Geburt: Sollen wir sie feiern oder nicht? Sollen wir uns darüber freuen, dass du geboren wurdest, gelebt hast und uns gelehrt hast – oder soll dieses Datum keinerlei Bedeutung und keinen Anlass zur Freude haben? Dabei überschäumen wir vor Freude über die Geburt jedes einzelnen unserer Kinder – ja selbst über die Geburt eines Tieres. Doch bei deiner Geburt, so heißt es, „dürfe man nicht feiern“, weil du selbst deinen Geburtstag nicht gefeiert hast – also sei es eine verwerfliche Neuerung (bid’a)? Was eigentlich eine Frage kultureller Ausdrucksformen ist, haben wir zu einer Frage des Glaubens und der religiösen Lehre erhoben. Andererseits ähneln viele dieser sogenannten Feierlichkeiten eher öffentlichen Spektakeln, bei denen – nicht selten im finanziellen Sinne – bestimmte Persönlichkeiten profitieren, anstatt dass darin wahrhaftige Liebe und aufrichtige Verbundenheit mit dir zum Ausdruck kämen. Einige versuchen, unter dem Vorwand deiner Geburt ihre eigenen moralischen Mängel zu überdecken. Sie möchten in den Augen ihrer Anhänger Bescheidenheit und Frömmigkeit zur Schau stellen, die ihrem tatsächlichen Leben in hohem Maße fehlt.
Im Namen deiner gesegneten Sunna schließen wir heute einander vom Glauben und von der Religion aus.
Du hast uns gesagt: „Die Taten (bei Gott) werden nur entsprechend den Absichten belohnt – und jedem Menschen gebührt nur das, was er sich vorgenommen hat.“ Und: „Wir Menschen urteilen und bewerten nach dem, was äußerlich sichtbar ist.“ Und doch, wir – deine Ummah – sind aufgestanden und haben begonnen, die unausgesprochenen Absichten und innersten Beweggründe der Menschen zu lesen. Wir haben angefangen zu urteilen, ob jemand gläubig ist oder nicht; ob jemand es verdient, mit den übrigen Muslimen bestattet zu werden – oder ob ihm der Kopf abgeschlagen werden und sein Körper in eine Grube geworfen werden soll, als wäre er nie ein menschliches Wesen gewesen. Wir maßen uns an zu entscheiden, wer ins Paradies gehört und wer in die Hölle. Wir gerieten in den Wahn, Gottes Zuständigkeiten selbst zu übernehmen – und begannen, die Rolle eines niederen und despotischen „Gottes“ zu spielen…
Du hast uns gesagt: „Wer mir folgt, der folgt Gott; und wer mir widerspricht, der widerspricht Gott…“ Doch wir, deine Ummah, messen die Echtheit und Korrektheit der Nachfolge deines Weges an der Länge der Hosen und der des Bartes; wir messen sie daran, ob wir ein ausgetrocknetes, rein äußerlich nicht reinigendes Stäbchen, das „Miswak“ genannt wird und in unzähligen Varianten in Buchhandlungen und muslimischen Läden angeboten wird, in der Tasche mitführen. Wir messen sie an der Art der Ledersocken (Mest), die wir tragen, und an der Länge der Gebetsketten, die wir geistesabwesend in der Hand drehen wie mechanische Zähler. Wir messen sie daran, ob wir Gewänder wie Araber oder Pakistaner tragen – denn nur dann, so scheint es, gelten wir als „echte“ Muslime. Wir messen sie an der Art, wie jemand beim Gebet seine Hände hebt oder nicht hebt, ob er sie oberhalb oder unterhalb des Nabels verschränkt, ob die Füße breit auseinanderstehen oder eng beieinander stehen… Wir werden zornig aufeinander, wir tadeln und meiden einander – nur weil wir einige religiöse Rituale anders ausführen als der andere. Dabei beschäftigen wir uns kaum mit der Frage, warumund für wen wir diese Rituale vollziehen. Für uns ist oft die äußere Form bedeutender als der innere Sinn, die Essenz – also das, was der Form überhaupt Bedeutung verleiht. Du hast uns gesagt: „Wenn einer von euch das Gebet verrichtet, dann spricht er mit seinem Herrn.“ Doch wir konzentrieren uns lieber auf die äußere Form des Gebets anderer – ja, es scheint, als wollten wir andere korrigieren und belehren, während wir selbst beten. Es stört uns kaum, dass wir uns im Gebet nicht wirklich sammeln, nicht wirklich bewusst sind – obwohl du gesagt hast: „Vom Gebet hat der Mensch nur das, worin er mit seinem Geist und Herzen anwesend war.“ Während unserer Gebete sprechen wir mit dem Mund heilige Worte, doch im Kopf führen wir weltliche Berechnungen durch: Wir kaufen und verkaufen, schließen Verträge und schmieden Intrigen, stellen unsere Leute ein und entlassen die anderen – je nach Partei oder Gruppenzugehörigkeit. Wir beginnen Kriege und schließen Friedensverträge, wir errichten unseren eigenen Staat und zerstören den fremden – und all das geschieht in wenigen Minuten, während wir beten.
Da die Moschee ein Ort ist, der die Herzen der Gläubigen versammeln, vereinen und einander näherbringen soll, gehen wir – deine Ummah – dorthin, um uns voneinander abzugrenzen und uns zu unterscheiden. Da Fasten und Zakat eigentlich darauf abzielen, Menschen unterschiedlicher sozialer Schichten einander näherzubringen, nutzen wir – deine Ummah – sie, um Unterschiede zu betonen und soziale Trennlinien noch sichtbarer zu machen. Da der Hadsch unser großartigstes gemeinschaftliches Ereignis auf globaler Ebene ist, machen wir – deine Ummah – daraus eine Bühne, um unseren materiellen Überfluss zur Schau zu stellen.
Du hast uns gesagt: „Hegt keinen Hass gegeneinander, seid nicht neidisch, kehrt einander nicht den Rücken zu! Seid Brüder im Glauben…!“ Und doch scheinen wir heute nach dem kleinsten Vorwand zu suchen, um uns voneinander zu entzweien, um den anderen zu erniedrigen und uns von ihm zu distanzieren. So sehr haben wir uns in unser eigenes Selbst verliebt, dass uns die anderen nur noch so lange als Menschen erscheinen, wie sie unseren eigenen Interessen dienen.
Du hast uns gesagt: „Wer betrügt und uns hintergeht, der gehört nicht zu uns.“ Doch wir – deine Ummah – nennen Betrug, Täuschung und Lüge heute „Kompetenz“, „Tüchtigkeit“, „Fähigkeit“ oder gar „Strategie“ – selbst dann, wenn wir gerade erst die Moschee verlassen haben, selbst dann, wenn wir gerade erst den Ramadan beendet oder von der Pilgerfahrt – Hadsch oder ʿUmra – zurückgekehrt sind. Es ist, als hätten wir in der Moschee, im Ramadan und während der Pilgerfahrt einen Gott, den wir um Wohlstand, Gesundheit und Glück bitten – während derselbe Gott auf dem Markt nicht existiert, am Arbeitsplatz völlig abwesend ist, und in jenem Raum, wo wir das Verbotene tun und die Gebote mit Füßen treten, der Begriff „Gott“ nicht einmal vorkommt. Er fällt uns nur dann wieder ein, wenn uns ein Unglück trifft.Solange es uns gut geht und wir bequem leben, haben wir – so scheint es – keine Notwendigkeit für Gott. Noch weniger brauchen wir Ihn, wenn wir gerade einen politischen Posten errungen, geschäftlich aufgestiegen oder uns kulturell durchgesetzt haben. Wir zögern nicht, diesen mühseligen Aufstieg, den wir wie eine Schnecke klebrig und kriechend erreicht haben, als persönliche Stärke und Kompetenz zu verkaufen…
Du hast uns gesagt: „Nicht gehört zu uns, wer keine Barmherzigkeit gegenüber den Jüngeren zeigt und keinen Respekt gegenüber den Älteren.“ Doch wir – deine Ummah – gefangen in unserem Narzissmus, ertragen weder die Jungen, weil sie angeblich „vom Glauben abgekommen“ sind, noch die Alten, weil sie „nicht mehr zeitgemäß“ erscheinen. Heute schrumpfen wir zunehmend die große, erweiterte Familie zusammen – sie erscheint uns als Hindernis für unsere persönliche Entwicklung und Karriere. Deshalb lautet das unterschwellige Motto der Werbespots und Fernsehserien, die keinerlei echten Wert oder Segen in sich tragen: Je weiter weg von den Eltern und Schwiegereltern, je weiter weg vom Lärm der Kinder, Enkel und Urenkel – desto besser.
Du hast uns gesagt: „Ein wahrer Muslim ist derjenige, vor dessen Hand und Zunge andere Muslime (andere Menschen) sicher sind.“ Doch wir – deine Ummah – gebrauchen unsere Hand entweder auf Kosten anderer zu leben, oder um uns das anzueignen, was eigentlich dem Schwachen, der Waise, dem Armen oder Bedürftigen zusteht. Unsere Hände streicheln nicht den Kopf der Waise, wie du es von uns gewünscht hast, sondern greifen nach dem wenigen, was ihm laut Gesetz und Religion zusteht. Unsere Hände retten nicht – sie stoßen. Wir – deine Ummah – empfinden keinerlei Scham darüber, mit unseren eigenen Händen den Besitz des Volkes zu stehlen – im Namen des Volkes –, die Zakat und die Sadaqa an uns zu reißen – im Namen der Religion –, nur damit unsere bodenlosen Taschen sich füllen. Und wir erröten darüber nicht einmal. Unsere Finger – in dieser digitalisierten Zeit – gebrauchen wir, um zu beleidigen, zu verletzen, zu beschimpfen und andere aus „unseren Reihen“ auszuschließen. Und unser Mund…? Ach, unser Mund lobt Gott nur selten aufrichtig, dankt Ihm nur selten mit Demut. Nur selten sprechen wir ein schönes Wort, einen wohltuenden Rat, einen heiteren, aber ehrlichen Scherz, einen Trost, der Herzen und Seelen lindert. Unser Mund ist vor allem ein scharfes Werkzeug: um zu beschimpfen, zu erniedrigen, und unseren Gegner – der bloß anders denkt – herabzusetzen. Unser Mund entwürdigt denjenigen, der uns aufrichtig ermahnt – denn wir halten uns für allwissend, autark, unantastbar. Mit unserem Mund sabbern wir vor Politikern, vor Führungspersönlichkeiten – nur um irgendwo hinaufzukommen, ob wir dort hingehören oder nicht. Mit unseren Mündern zögern wir nicht, andere zu erniedrigen – nur damit wir uns „erhöhen“.Ach ja – beinahe hätte ich es vergessen: Wir benutzen unsere Münder auch, um über Menschen mit psychischen Belastungen zu „hauchen“ – wir nennen das ruqya. Eine Wasserflasche, die zwei Franken kostet, wird, nachdem wir „darauf gehaucht“ und einige Qur’an-Verse und Bittgebete gesprochen haben – die du uns gelehrt hast, zu einem Produkt für mindestens zwanzig Franken. Denn jetzt, so sagen wir, sei das Wasser „gesegnet“. Wir machen Handel mit den Worten des Erhabenen Gottes, mit deinen Worten, und das Schlimmste: Wir bereichern uns am Leid und an den Nöten der Menschen – ohne ihnen in Wahrheit zu helfen, ohne dass wir tatsächlich etwas geheilt haben. Wir haben sie nur manipuliert…
Du bist aufgestanden, als ein Trauerzug an dir vorbeizog. Als man dich fragte, warum du das getan hast – wo es sich doch um die Beerdigung eines Juden handelte – hast du geantwortet: „War er denn nicht auch ein Mensch?!“ Diese Feinfühligkeit und diesen Respekt gegenüber Angehörigen anderer Religionen, Überzeugungen und Kulturen haben wir uns selbst schon lange untersagt. Ja, wir haben sie zur Tabuzone erklärt… Diesen Respekt verweigern wir heute sogar jenem Muslim, der nicht zu unserer Gruppierung, nicht zu unserer Rechtsschule, nicht zu unserem Manhaj (religiösen Weg) gehört. Als dich einst jemand fragte, welcher Mensch und welche Tat Gott am meisten liebt, hast du geantwortet:„Der Mensch, den Gott am meisten liebt, ist derjenige, der den Menschen am nützlichsten ist; und die Tat, die Gott am meisten liebt, ist es, Freude und Glück in die Herzen der Menschen zu pflanzen.“ Dieses Nützlichsein, dieses Säen von Freude – du hast sie niemals eingeschränkt. Du hast diese hohen Werte nicht exklusiv für Muslime reserviert. Doch wir – deine Ummah, o geliebter Gesandter – halten selbst einem Muslim solchen Einsatz manchmal für zu viel.
Dieses Bündel deiner universellen Prinzipien – so kostbar auf dem Weltmarkt der Werte –, haben wir, deine Ummah, im Preis so weit herabgesetzt, dass wir selbst wertlos geworden sind. Wir halten sie für „klein“, und deshalb sind auch wirklein geblieben…
Ich weiß, dass es inmitten deiner Ummah viele Menschen gibt, die sich aufrichtig, mit Hingabe und von ganzem Herzen an deine universellen, zeitlosen und raumübergreifenden Lehren und Wegweisungen halten – und die sich darum bemühen, mit ihnen eine bessere, friedlichere und freudvollere Welt zu gestalten. Doch die dunkle Seite unserer Realität ist nicht so klein, als dass sie ihren Einsatz und ihre Mühe nicht ernsthaft behindern könnte…
Uns ist bewusst: Wenn wir uns nicht selbst durch deine Worte und deine Wegweisung ehren, wird es andere geben, die es tun – und wehe dann uns, aber glückselig jene!
Friede und Segen Gottes seien mit dir, o Gesandter Gottes, Muhammad al-Mustafa!
