Rehan Neziri

 

Hilf al-Fudūl (Bündnis der Tugendhaften) und seine Botschaften für uns Muslime heute im Westen

 

 

Allgemeine Lage

Im vorislamischen Arabien herrschte ein stammesbasiertes Gesellschaftssystem, in dem sich verschiedene, große und kleine Stämme durch Bündnisse und Pakte miteinander verbanden. Diejenigen Stämme jedoch, die außerhalb solcher Allianzen standen, waren in der Regel Angriffen und Plünderungen durch rivalisierende Stämme ausgeliefert, mit denen sie keine Schutzvereinbarungen getroffen hatten. Diese instabile Ordnung war auch der Hauptgrund für die langanhaltenden Stammeskriege, die sich teils über Jahrhunderte hinzogen.

Auch die Stadt Mekka blieb von diesen Stammeskriegen nicht verschont. Da sie jedoch am Kreuzungspunkt zweier bedeutender Handelsrouten Arabiens lag – der Hedschas-Route, die entlang der Ostküste des Roten Meeres verlief und den Jemen im Süden mit Scham (dem heutigen Libanon, Syrien, Jordanien und Palästina) im Norden verband, sowie der Nadschd-Route, welche Jemen mit dem Irak verknüpfte[1] – herrschte dort im Vergleich zu anderen Städten und Siedlungen ein erhöhtes Maß an Wachsamkeit und Bemühung, solche Konflikte auf ein Minimum zu beschränken. Eine Stadt, der es an natürlichen Ressourcen mangelte und deren Lebensgrundlage primär in der Viehzucht und vor allem im Außenhandel bestand, war in besonderem Maße auf politische Stabilität und Sicherheit angewiesen.

„Der Stadt der Quraisch (Mekka), die gemäß dem Qur’an „in einem Tal liegt, in dem nichts wächst“[2], fehlten landwirtschaftliche Kulturen, und um zu überleben, war sie auf alle erdenklichen Importgüter angewiesen.[3] Betrachtet man die Vergangenheit des Quraisch-Stammes mit seinen beduinischen (nomadischen) Wurzeln, so zeigt sich, dass dieses aktive und lebhafte Volk im Allgemeinen nur bescheidene Bedürfnisse hatte. Dennoch wird deutlich, dass die Quraisch im Vergleich zu anderen Bewohnern der Hedschas-Region über einen relativ höheren Lebensstandard verfügten. Da Mekka sich nicht selbst versorgen konnte, war sie gezwungen, selbst die grundlegendsten Produkte wie Getreide, Datteln, Obst, Gemüse oder sogar Wein zu importieren… Da Mekka zu jener Zeit etwa 20.000 bis 25.000 Einwohner zählte – einschließlich der zwölf Stämme der quraischitischen „Konföderation“, der Verbündeten, Sklaven und Geflüchteten – bedeutete dies einen täglichen Versorgungsbedarf von zwei bis drei Tonnen, was rund 20 mit Waren beladenen Kamelen entsprach.“[4]

Um möglichst viele Auswärtige als potenzielle Käufer in die Städte der damaligen Arabischen Halbinsel zu locken, hatte sich die Tradition etabliert, die sogenannten heiligen Friedensmonate Gottes zu respektieren. Die Jahrmärkte wurden daher naturgemäß in Zeiten des Haddsch oder an religiös bedeutsamen Tagen abgehalten. Aufgrund der Stammesrivalitäten hielt jedoch jede Region unterschiedliche Monate für heilig. So herrschte etwa im Monat Radschab völliger Friede in den Gebieten des Stammes Mudar, während im Monat Ramadan die Regionen des Stammes Rabiʿ als sicherer Zufluchtsort für auswärtige Händler galten. Auf diese Weise entstand eine Form des Friedens auf der gesamten Arabischen Halbinsel: Die Mitglieder des Stammes Mudar handelten im Ramadan mit den Angehörigen des Stammes Rabiʿ, während letztere im Monat Radschab zu den Mudar zum Handel reisten. Eine besonders günstige Position nahm das Handelsdreieck Mekka–Medina–Ta’if ein, da in dieser Region während vier Monaten im Jahr Frieden herrschte – davon drei aufeinanderfolgend[5]. Dies ermöglichte es den Bewohnern nicht nur, weitere Handelswege zu beschreiten, sondern auch unbesorgt und sicher in ihre Heimat zurückzukehren.[6]

 

Die Fidschār-Kriege

Obwohl eine Art ungeschriebener Konsens über die Heiligkeit und Friedfertigkeit bestimmter Monate bestand, kam es dennoch von Zeit zu Zeit selbst während dieser vier als „heilig“ geltenden Monate zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen Stämmen – oftmals aus banalen Anlässen. Diese Konflikte zogen sich häufig über Jahre hinweg, da das Denken in Kategorien von Blutrache sowie die Verteidigung von familiärer und stammesbezogener Ehre tief in der Gesellschaft verwurzelt war. Die Geschichtsschreibung kennt insgesamt vier solche Auseinandersetzungen aus jener Epoche, die unter dem Namen Fidschār-Kriege (von arab. „fudschūr“ = Sünde, Frevel) bekannt sind – so genannt, weil sie die heiligen Friedenszeiten verletzten und damit als sündhaft galten. Mit hoher Wahrscheinlichkeit nahm der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) im Alter von etwa zwanzig Jahren an der vierten dieser Auseinandersetzungen teil. Dieser Krieg entbrannte zwischen den Stämmen Kināna und Qais. Ein enthemmter Angehöriger des Stammes Kināna hatte einen Mann aus der Familie ʿĀmir vom Stamm Hawāzin (Qais) aus dem Gebiet Nadschd getötet. Gemäß der damals üblichen Logik der Blutrache griff daraufhin der Stamm des Ermordeten den Stamm des Täters an. Da die Quraisch mit Kināna verbündet waren, wurden sie – wenn auch eher unfreiwillig – in den Konflikt hineingezogen, der ursprünglich nicht der ihre war. Der Krieg dauerte drei bis vier Jahre, wobei es nur an fünf Tagen zu tatsächlichen Kämpfen kam. Die Rolle Muhammads (s.a.w.s.) in diesem Krieg war eine unterstützende: Er sammelte die fehlgeschlagenen Pfeile der gegnerischen Seite ein und reichte sie seinen Onkeln Zubair und Abū Tālib, damit diese ihre eigenen Pfeile auf den Feind abschießen konnten.[7]

Nach dem letzten Fidschār-Krieg war die öffentliche Sicherheit in Mekka und ihrer Umgebung stark erschüttert. Besonders betroffen waren auswärtige Händler, die in die Stadt kamen, aber auch die Schwachen und Bedürftigen unter den Einheimischen – sie wurden immer häufiger Zielscheibe von Gewalt, Unrecht und Misshandlungen, ohne dass sie jemanden gehabt hätten, an den sie sich für Schutz oder die Wiederherstellung ihrer Rechte hätten wenden können.[8]Diese Umstände trugen maßgeblich zur wachsenden Unzufriedenheit mit dem „Gesetz der Wüste“ bei, das weiterhin die sesshafte mekkanische Gesellschaft dominierte. Viele der führenden Persönlichkeiten des Quraisch-Stammes hatten mittlerweile mehrfach Schām (Syrien, Libanon, Palästina, Jordanien) besucht und dort die relative Rechtsordnung erlebt, die unter der römischen Herrschaft galt. Auch in Abessinien, das sie im Rahmen von Handelsreisen kennengelernt hatten, konnte man auf legalem Wege zu seinem Recht kommen – ohne, wie in Arabien, zur Waffe greifen zu müssen. Ein vergleichbares Rechtssystem fehlte jedoch vollständig auf der Arabischen Halbinsel. Die Fidschār-Kriege – und insbesondere das Gefühl der Unsicherheit nach dem letzten dieser Konflikte – führten schließlich dazu, dass einige Persönlichkeiten ernsthaft über Wege nachdachten, wie man die immer wieder aus banalen Gründen ausbrechenden Blutvergießen verhindern könnte. Anders als zuvor blieb es diesmal nicht nur bei Überlegungen und leeren Worten: Ein großer Teil der Quraisch war nun bereit, konkrete Schritte zu unternehmen. Dieses neue Gerechtigkeitsverständnis wurde nur wenige Wochen nach dem letzten Fidschār-Krieg durch einen skandalösen Vorfall in Mekka auf die Probe gestellt.

 

Die Gründe für die Gründung des Hilf al-Fudūl

Ein Händler aus der jemenitischen Küstenstadt Zabīd hatte einem mekkanischen Adligen namens ʿĀs ibn Wāʾil aus dem Stamm Sahm wertvolle Waren verkauft. Doch als dieser bemerkte, dass der Händler ein Auswärtiger war, der weder über Schutzbündnisse noch über irgendeine Form der Rückendeckung in Mekka verfügte, weigerte er sich, den vereinbarten Preis zu bezahlen. Der Händler jedoch ließ sich nicht einschüchtern. Mit großem Mut begab er sich auf den Hügel Abū Qubais und rief lautstark die Quraisch dazu auf, ihm beizustehen und ihm entweder den Preis oder die Ware zurückzugeben. Viele Stämme, die keine traditionelle Allianz mit dem Stamm Sahm hatten, reagierten sofort. Der Quraisch-Stamm war darum bemüht, die Einheit unter den verschiedenen Clans aufrechtzuerhalten. Einer der reichsten und einflussreichsten Männer Mekkas jener Zeit – zugleich das Oberhaupt des Taym-Stammes –, ʿAbdullāh ibn Dschudʿān, öffnete daraufhin sein großes Haus für alle, die sich dem Ideal der Gerechtigkeit verpflichtet fühlten. Dort versammelten sich mehrere angesehene Stämme, unter ihnen besonders stark vertreten: Hāschim, Muttalib, Zuhra, Asad und Taym. Nach einem reichhaltigen Mahl und intensiven Beratungen beschlossen sie, ein Bündnis bzw. ein Komitee zu gründen, das sich fortan um den Erhalt von Ordnung und Sicherheit kümmern sollte – insbesondere aber um den Schutz auswärtiger Händler und aller anderen, deren Rechte missachtet wurden. Anschließend begaben sich die Anwesenden zur Kaʿba. Dort ließen sie Wasser über den Schwarzen Stein der Kaʿba fließen, sammelten dieses als gesegnetes Wasser in einem Gefäß, tranken davon und hoben ihre rechte Hand in Richtung Kaʿba zum Schwur. Sie schworen bei Allah, dass sie künftig bei jedem Unrecht einmütig auf der Seite des Unterdrückten gegen den Unterdrücker stehen würden – bis dem Geschädigten zu seinem Recht verholfen sei. Dabei sollte es keine Rolle spielen, ob es sich um einen Einwohner Mekkas oder um einen Fremden handelte. Dieses Bündnis, so betonten sie, solle Bestand haben, „bis der letzte Tropfen Wasser im Meer versiegt und die Berge von Hirāʾ und Thabīr dem Erdboden gleichgemacht sind“. Danach begaben sie sich gemeinsam zu ʿĀs ibn Wāʾil und forderten ihn auf, dem jemenitischen Händler unverzüglich den vereinbarten Preis zu zahlen. Bemerkenswert ist, dass ʿĀs ibn Wāʾil in diesem Fall selbst von denjenigen Stämmen keine Unterstützung erhielt, die sich nicht dem genannten Schwur angeschlossen hatten.

Neben ʿAbdullāh ibn Dschudʿān, in dessen Haus dieses Bündnis – sei es als Gesellschaft, Organisation oder Allianz – gegründet wurde, gehörte zu den bekanntesten und aktivsten Teilnehmern, ja sogar zu den Initiatoren dieses Vorgangs, auch Zubair, der Onkel des Propheten Muhammad (s.a.w.s.). Zubair hatte seinen Neffen, also Muhammad (s.a.w.s.), zu diesem Treffen und zu der Schwurzeremonie mitgenommen. Ein weiterer Teilnehmer war Abū Quḥāfa vom Stamm Taym, ein Verwandter des Gastgebers, der ebenfalls seinen Sohn Abū Bakr mitgebracht hatte. Abū Bakr war zwei Jahre jünger als Muhammad (s.a.w.s.) und sollte später dessen engster Gefährte werden.[9] Dieses Bündnis ist in der islamischen Geschichtsschreibung unter dem Namen Hilf al-Fudūl (حِلْفُ الْفُضُولِ) bekannt, was so viel bedeutet wie „Bündnis der Tugendhaften“ oder „Schwur auf die Tugenden“. Schon lange vor diesem Abkommen war in Mekka ein weiteres Bündnis mit dem Namen Hilf al-Mutayyabīn (حِلْفُ الْمُطَيَّبِينَ) geschlossen worden – „Schwur der Parfümierten“ –, benannt nach dem Brauch, beim Schwur die Hände in ein Gefäß mit parfümiertem Wasser zu tauchen. Dieser Eid diente der Verteilung wichtiger Aufgaben zwischen den Stämmen Banū ʿAbd ad-Dār und ʿAbd Manāf, wie etwa dem Dienst an der Kaʿba, der Wasserversorgung der Pilger, dem Tragen der Fahne in kriegerischen Auseinandersetzungen sowie dem Schutz der Schwachen in der Gesellschaft.[10]

 

Die positiven Auswirkungen des Hilf al-Fudūl im Laufe der Geschichte

Die frühesten Quellen und Chroniken der islamischen Geschichtsschreibung berichten von der positiven Wirkung, die die Gründung dieser Organisation auf die Gesellschaft Mekkas – und darüber hinaus – ausübte. Im Folgenden sollen einige exemplarische Fälle genannt werden:

1.     Ein Mann aus dem jemenitischen Stamm Hath’am war nach Mekka gereist, um die Umra oder den Haddsch zu verrichten – nach den Riten der dschāhilīya (vorislamischen Zeit). Er kam gemeinsam mit seiner Tochter. Nubaiyh ibn al-Hadschadsch, ein angesehener Mann in Mekka, hatte dem jemenitischen Händler mit Gewalt die Tochter entführt. Die Menschen rieten ihm, sich an das Bündnis Hilf al-Fudūl zu wenden und um Hilfe zu bitten. Der Mann begab sich zu den Mitgliedern des Bündnisses. Diese versammelten sich sofort, zogen ihre Schwerter und gingen geschlossen zum Haus von Nubaiyh. Dort forderten sie ihn auf, das Mädchen unverzüglich herauszugeben, und machten ihm unmissverständlich klar, mit wem er es zu tun hatte. Nubaiyh erklärte sich bereit, sie freizulassen – jedoch unter der Bedingung, dass er wenigstens eine Nacht mit ihr verbringen dürfe. Als die Männer des Hilf al-Fudūl diese Forderung aufs Schärfste ablehnten, blieb Nubaiyh keine andere Wahl, als das Mädchen kampflos herauszugeben.[11]

2.     Ein weiterer Auswärtiger aus dem Stamm Thumāla hatte einem Mann namens Umayya ibn Halaf – einem der führenden Persönlichkeiten Mekkas, der für seine Ungerechtigkeit gegenüber Schwachen bekannt war – Waren verkauft. Auch in diesem Fall weigerte sich Umayya, dem Händler den Preis für die Ware zu bezahlen. Der Händler wandte sich daraufhin an die Mitglieder des Hilf al-Fudūl und berichtete ihnen von dem begangenen Unrecht. Diese sagten zu ihm: „Geh zu Umayya und sag ihm, dass wir dich geschickt haben. Wenn er dir den Preis bezahlt – gut. Wenn nicht, komm zurück zu uns!“ Als der Händler Umayya aufsuchte und ihm mitteilte, wer ihn geschickt hatte, holte Umayya sofort das Geld hervor und bezahlte ihm die Ware.[12]

 

3.     Ein Händler, wieder aus dem jemenitischen Stamm Zabīd, brachte einst drei mit Waren beladene Kamele nach Mekka. Abū Dschahl, einer der einflussreichen Führer Mekkas jener Zeit, einigte sich mit den anderen potenziellen Käufern darauf, dem jemenitischen Händler keine Ware abzukaufen. Auf diese Weise wollte er den Preis der Ware künstlich drücken. Der Händler war erstaunt und bestürzt über ein solches Verhalten. Schließlich wandte er sich an den Propheten Muhammad (s.a.w.s.), der Mitglied des Hilf al-Fudūl war, und schilderte ihm den Vorfall. Muhammad (s.a.w.s.) kaufte dem Händler daraufhin die gesamte Ware zum tatsächlichen Marktpreis ab, worüber sich der Händler überaus freute. Dieser Vorfall gilt zugleich als der erste dokumentierte Streit zwischen dem Propheten Muhammad (s.a.w.s.) und Abū Dschahl – ein Konflikt, der ihn bis zu dessen Tod in der Schlacht von Badr begleiten sollte.[13]

 

4.     Ein weiteres Mal verweigerte Abū Dschahl die Bezahlung einer Ware, die er von einem arabischen Händler aus dem Stamm Arasch gekauft hatte. Der betroffene Händler, enttäuscht und hilflos, begab sich zur Kaaba in der Hoffnung, jemanden zu finden, dem er sein Leid klagen konnte. Zu jener Zeit hatte der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) gerade begonnen, seine Botschaft des Islams öffentlich zu verkünden. Abū Dschahl war bereits damals als einer seiner erbittertsten Feinde bekannt – eine Feindschaft, deren Wurzeln, wie zuvor erwähnt, bis in die vorislamische Zeit zurückreichten. Ein Einwohner Mekkas wies den Händler an, sich an Muhammad (s.a.w.s.) zu wenden. Historiker vermuten, dass diese Empfehlung möglicherweise nicht aufrichtig gemeint war – vielleicht wollte der Mann Muhammad (s.a.w.s.) bloßstellen, indem er ihn in eine unangenehme Lage mit einem seiner größten Gegner brachte. Wie dem auch sei: Der Händler ging zu Muhammad (s.a.w.s.) – und dieser reagierte sofort. Er nahm den Mann mit sich und begab sich zum Haus von Abū Dschahl. Dort forderte er die Bezahlung der Ware ein und erhielt das Geld tatsächlich zurück. Als Freunde von Abū Dschahl davon erfuhren, machten sie sich über ihn lustig und fragten ihn, wie es sein könne, dass ausgerechnet der „schwache“ Muhammad ihm das Geld abgenommen habe. Abū Dschahl antwortete: „Als Muhammad an meine Tür klopfte, bebte das ganze Haus wie bei einem Erdbeben. Als ich öffnete, erschien mir an seiner Seite eine rasende Kamelstute mit weit aufgerissenem Maul – hätte ich auch nur einen Moment gezögert, ihn zu beschwichtigen, hätte sie mich mit Haut und Haaren verschlungen.“[14]

 

5.     Der Einfluss des Hilf al-Fudūl reichte auch in die Zeit nach dem Tod des Propheten Muhammad (s.a.w.s.) hinein. Historiker berichten von einem Vorfall aus der Regierungszeit Mu’āwiyas, bei dem es zu einem Streit zwischen dem Gouverneur (wālī) von Medina, al-Walīd ibn Uqba, und al-Husain, dem Sohn von Alī (r.a.), kam. Anlass des Konflikts war eine Meinungsverschiedenheit über ein Handelsgut im Dorf Dhū’l-Marwa. Walīd versuchte, sich auf seine Autorität als Gouverneur zu stützen, um al-Husain unter Druck zu setzen. Doch dieser entgegnete ihm mit den Worten: „Ich schwöre bei Allah: Entweder gibst du mir mein Recht, oder ich ergreife das Schwert, gehe zur Moschee des Gesandten Allahs (s.a.w.s.) und rufe die Menschen auf, mir im Namen des Hilf al-Fudūl beizustehen“. In diesem Moment war auch Abdullāh ibn az-Zubair anwesend. Er sagte: „Bei Allah! Wenn al-Husain im Namen des Hilf al-Fudūl um Hilfe ruft, dann ergreife ich mein Schwert und kämpfe an seiner Seite – bis ihm sein Recht zurückgegeben wird oder ich gemeinsam mit ihm sterbe“. Als auch Miswar ibn Mahrama vom Stamm Banū Zuhra und Abd ar-Rahmān ibn Uthmān vom Stamm Banū Taym von diesem Vorfall erfuhren, wiederholten sie ebenfalls die Worte von Ibn az-Zubair und sicherten al-Husain ihre Unterstützung zu. Angesichts dieses gesellschaftlichen Drucks blieb al-Walīd schließlich nichts anderes übrig, als al-Husain sein Recht zurückzugeben und ihn um Verzeihung zu bitten.[15]

Dieser Vorfall verdeutlicht den psychologischen und sozialen Einfluss des Hilf al-Fudūl, der sich tief in das Bewusstsein der arabischen – und später auch der islamischen – Gesellschaft eingeprägt hatte. Auch wenn diese Vereinigung bzw. Allianz mit der Zeit aufgelöst wurde, unter anderem deshalb, weil sie keine neuen Mitglieder mehr aufnahm, blieb ihr moralischer und gesellschaftlicher Einfluss noch lange nach dem Tod des Propheten Muhammad (s.a.w.s.) spürbar und wirksam.

 

Was sagte der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) über dieses Bündnis?

Obwohl er noch sehr jung war – etwa zwanzig Jahre alt – und zu jenem Zeitpunkt noch nicht als Prophet berufen war, blieb die Teilnahme am Hilf al-Fudūl dem Propheten Muhammad (s.a.w.s.) lebendig im Gedächtnis. Er erinnerte sich nicht nur an die Gründung dieses Bündnisses, sondern auch an seine soziale und moralische Funktion und Wirkung, die es später in der Gesellschaft entfaltete. Aus diesem Grund äußerte er sich, mit großer Wahrscheinlichkeit nach der hidschra(Auswanderung) in Medina, folgendermaßen:

شَهِدْتُ غُلاَمًا مَعَ عُمُومَتِي حِلْفَ الْمُطَيَّبِينَ (يقصد حلف الفضول)، فَمَا أُحِبُّ أَنَّ لِي حُمْرَ النِّعَمِ وَإِنِّي أَنْكُثُهُ.

„In jungen Jahren war ich gemeinsam mit meinen Onkeln bei dem Schwur der ‚Parfümierten‘ anwesend“ – damit meinte er den Hilf al-Fudūl – „und selbst wenn man mir dafür rote Kamele (die wertvollsten ihrer Art) anbieten würde, hätte ich diesen Eid niemals gebrochen.“[16]

Er sagte außerdem:

لَقَدْ شَهِدْتُ فِي دَارِ عَبْدِ اللَّهِ بْنِ جُدْعَانَ حِلْفًا مَا أُحِبُّ أَنَّ لِيَ بِهِ حُمْرَ النَّعَمِ وَلَوْ أُدْعَى بِهِ فِي الْإِسْلاَمِ لَأَجَبْتُ.

„Ich war Zeuge eines Bündnisses im Haus von Abdullāh ibn Dschud’ān – ein Bündnis, das ich nicht gegen eine ganze Herde roter Kamele eintauschen würde. Selbst wenn ich heute, im Zeitalter des Islams, dazu aufgerufen würde, würde ich diesem Ruf Folge leisten.“[17]

Diese beiden Hadithe machen deutlich, dass die Haltung des Propheten Muhammad (s.a.w.s.) gegenüber einem solchen Bündnis, einer Liga, einem Pakt oder einer Organisation nicht nur positiv, sondern auch proaktiv war. Er betont, dass er sein persönliches Engagement in einer derartigen Initiative durch nichts ersetzt hätte. Mehr noch: „Selbst, wenn ich heute im Islam zu einem derartigen Schwur oder Bündnis aufgerufen würde, würde ich diesem Ruf positiv folgen.“[18]

Diesen letzten Satz sollten wir aufmerksam analysieren und gründlich studieren. Was uns vielleicht auf den ersten Blick auffällt, ist die Bereitschaft des Propheten Muhammad (s.a.w.s.), aktiv zum Wohle der Gesellschaft beizutragen und Verantwortung zu übernehmen. Doch in dieser Aussage verbergen sich auch tiefere Bedeutungen, die nicht jedem sofort ins Auge springen. Eine dieser verborgenen Botschaften ist die Offenheit des Propheten (s.a.w.s.), mit Menschen zusammenzuarbeiten, die keine Muslime waren. Denn als das Hilf al-Fudūl geschlossen wurde, war noch niemand Muslim – alle Beteiligten waren muschrikūn (Polytheisten). Selbst Muhammad (s.a.w.s.), der vom Polytheismus stets frei und beschützt war, hatte zu jenem Zeitpunkt die göttliche Offenbarung noch nicht empfangen. Bemerkenswert ist, dass der Prophet (s.a.w.s.) sein damaliges Engagement nicht auf den Nutzen der Muslime beschränkte, sondern ausdrücklich zum allgemeinen Wohl der gesamten Gesellschaft verstand und unterstützte.

 

Die Botschaften des Hilf al-Fudūl für uns heute

Das Hilf al-Fudūl und die Bereitschaft des Propheten Muhammad (s.a.w.s.), auch später – selbst nach der Offenbarung – erneut an einer solchen Initiative teilzunehmen, bilden die Grundlage für ein gemeinsames zivilgesellschaftliches Engagement von Menschen unterschiedlicher Religionen und Überzeugungen zur Bewahrung, Verteidigung und Förderung universeller humaner Werte. Eine solche Form der Zusammenarbeit und Einigkeit kann auf verschiedenen Ebenen gedacht und verwirklicht werden – von der lokalen über die regionale bis hin zur nationalen oder gar internationalen Ebene. Es ist wahr, dass manche Muslime, die nicht einmal den Händedruck zwischen Muslimen und Nichtmuslimen dulden, von dieser Idee enttäuscht oder gar empört sein mögen. Solche Stimmen könnten sich im Namen der „Verteidigung“ der „islamischen Sache“ gegen jegliche Form von Kooperation mit Andersgläubigen stellen. Doch Hilf al-Fudūl und die Haltung des Propheten Muhammad (s.a.w.s.) zu diesem Bündnis – auch nach seiner prophetischen Sendung – sollten uns als Beispiel dienen: dass eine solche Zusammenarbeit Menschen verschiedener Religionen und weltanschaulicher Überzeugungen zum gemeinsamen Wohl der Menschheit näherbringen kann.

Heute sind Menschen auf der ganzen Welt – aus unterschiedlichen Ländern, religiösen Hintergründen und Kulturen – enger miteinander vernetzt als je zuvor. Länder, die bisher überwiegend monoreligiös waren, entwickeln sich zunehmend zu multireligiösen Gesellschaften – sowohl in der sogenannten muslimischen als auch in der nichtmuslimischen „Welt“. Beide „Welten“ werden heute gleichermaßen von äußeren religiösen und kulturellen Einflüssen geprägt. Dies führt dazu, dass die Mauern, die sie über Jahrhunderte hinweg voneinander getrennt hatten, beginnen zu zerbröckeln. Es gilt nicht mehr als notwendig, dass religiöse Minderheiten sich der Mehrheit vollständig anpassen und dabei ihren Glauben und ihre Identität verlieren. In einem Klima wachsender Toleranz und gegenseitigen Respekts ist es heute möglich, den eigenen Glauben und die eigene kulturelle Zugehörigkeit zu bewahren – und gleichzeitig mit Angehörigen anderer Religionen an gemeinsamen Anliegen zu arbeiten. Zwar mag es in dieser Hinsicht noch einige Ausnahmen geben, doch diese sind vorübergehender Natur und stellen keineswegs die Regel dar.

In der heutigen Welt gibt es zahlreiche Herausforderungen, die eine solche gemeinsame Zusammenarbeit und ein vereintes Handeln von Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen zwingend erforderlich machen – etwa endemische Armut, globale Erwärmung, das nukleare Wettrüsten, ökologische Zerstörung, hemmungslose Unmoral, die Krise der Institution Familie, Terrorismus und vieles mehr. Diese Probleme sind nicht auf eine bestimmte Gemeinschaft oder Nation beschränkt. Vielmehr haben sie sich zu globalen Phänomenen entwickelt. Ohne das gemeinsame Engagement aller Gemeinschaften und Nationen können sie schlichtweg nicht wirksam gelöst werden. In Abwesenheit einer solchen Einheit lässt sich das Rennen der Menschheit in Richtung Selbstzerstörung kaum aufhalten.Manche mögen denken, dass ein solches Einvernehmen ein törichter Traum sei. Aber die Realität ist: Wir haben schlicht keine andere Wahl, als diesen Traum zu träumen – und uns ernsthaft darum zu bemühen, ihn Wirklichkeit werden zu lassen.[19]

Da Gerechtigkeit im Islam als ein universeller Wert gilt – und zugleich als fundamentales Recht aller Menschen, ungeachtet ihrer Rasse, Religion, Geschlechtszugehörigkeit oder Herkunft –, stellt sie eines der grundlegenden Ziele der islamischen Rechtsordnung (šarīʿa) dar. Ibn al-Qayyim erklärt hierzu: „Allah – erhaben ist Er – hat verdeutlicht, dass das letztendliche Ziel Seines Gesetzes (d. h. der šarīʿa) die Herstellung von Gerechtigkeit und Aufrichtigkeit unter den Menschen ist. Jede Methode, die zu Gerechtigkeit und Korrektheit führt, ist Teil der Religion und kann ihr niemals widersprechen“.[20] Diese Form der Zusammenarbeit geschieht im Geiste zahlreicher Qur’an-Verse – insbesondere aber im Lichte von Sure al-Māʾida, 5, Vers 2:

وَتَعَاوَنُوا عَلَى الْبِرِّ وَالتَّقْوَىٰ وَلَا تَعَاوَنُوا عَلَى الْإِثْمِ وَالْعُدْوَانِ وَاتَّقُوا اللَّـهَ

„Und helfet einander in Rechtschaffenheit und Frömmigkeit; doch helfet einander nicht in Sünde und Übertretung. Und fürchtet Allah..!

Antony T. Sullivan, ein ausgewiesener Kenner der Beziehungen zwischen dem Westen und dem Nahen Osten – und damit auch der islamischen Welt –, spricht sich in seiner Analyse zur Demokratisierung der arabischen und islamischen Länder gegen einen aufgezwungenen Demokratisierungsprozess durch die USA und den Westen aus, insbesondere dann, wenn dieser mit aufdringlichen politischen und militärischen Mitteln betrieben wird. Er betont, dass dieser Prozess vielmehr auf der Stärkung und Wertschätzung der eigenen vorislamischen und islamischen kulturellen und zivilisatorischen Traditionen beruhen sollte, da diese eine solide Grundlage für die Entwicklung eines liberalen Denkens in diesen Gesellschaften darstellen. Hilf al-Fudūl bezeichnet er dabei als den ersten öffentlichen Vertrag in der Geschichte, der die Menschenrechte garantiert. Unter anderem schreibt er: „Die Zeit des Propheten Muhammad war von einer Vielzahl an Initiativen geprägt, die eine ideale Grundlage darstellen, auf der zeitgenössische arabische und muslimische liberale Institutionen errichten könnten, die die Freiheit fördern und schützen. Ein Beispiel hierfür ist das Jahr 590, in dem der junge Muhammad – volle zwanzig Jahre bevor ihm die Botschaft des Qur’an offenbart wurde – der Ratifizierung einer Allianz namens Hilf al-Fudūlbeiwohnte. Dieser Pakt wurde von verschiedenen arabischen Stämmen in der Umgebung von Mekka geschlossen. Diese Allianz stellt den ersten öffentlichen Vertrag weltweit dar, der die Menschenrechte garantierte. Hilf al-Fudūl ist ein bemerkenswertes Dokument.“[21]

Der zeitgenössische muslimische Denker Tariq Ramadan erwähnt in seinem Werk In den Fußstapfen des Propheten die Hochachtung, die der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) dem Bündnis Hilf al-Fudūl entgegenbrachte – und zwar viele Jahre, nachdem ihm die Offenbarung des edlen Qur’an zuteilgeworden war. Aus dieser Haltung des Propheten (s.a.w.s.)  leitet Ramadan mehrere zentrale Schlussfolgerungen ab: „Der Prophet (s.a.w.s.) betonte nicht nur die Besonderheit der Bedingungen dieses Paktes – eines Paktes, der sich explizit gegen die vorherrschenden ungerechten Stammesallianzen jener Zeit wandte –, sondern fügte hinzu, dass er, selbst als Überbringer der islamischen Botschaft, ja sogar als Muslim, den Kern dieses Paktes weiterhin akzeptiere und nicht zögern würde, erneut an einem ähnlichen Bündnis teilzunehmen.“Diese Aussage sei von besonderer Bedeutung für Musliminnen und Muslime – und aus ihr lassen sich mindestens drei wesentliche Lehren ziehen. Der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) wusste, wie man Positives aus der eigenen Vergangenheit schöpfen kann. Doch sein Nachdenken geht hier noch weiter: Er erkennt ausdrücklich einen Pakt an, der vor Beginn der islamischen Offenbarung geschlossen worden war – einen Pakt, der sich entschieden für die Gerechtigkeit einsetzte und die Unterdrückung der Armen und Schwachen bekämpfte. Dies impliziert, dass die Formulierung solcher Prinzipien nicht ausschließlich dem Islam vorbehalten ist – vielmehr hatte das menschliche Gewissen diese bereits vor dem Islam eigenständig formuliert. Der Islam kam, um genau diese Grundsätze zu bestätigen. Hier erkennt der Prophet (s.a.w.s.) ausdrücklich die Gültigkeit und moralische Integrität eines vorislamischen Bündnisses an, das sich für Gerechtigkeit und den Schutz der Unterdrückten einsetzte.

Die zweite Lehre ist nicht weniger grundlegend: Zu einer Zeit, in der die islamische Botschaft noch im Entstehen war – während der fortlaufenden Offenbarung des Qur’an und der Erfahrung des Propheten Muhammad (s.a.w.s.) –, erkannte dieser dennoch die Gültigkeit eines Bündnisses an, das von Nichtmuslimen geschlossen worden war und das sich der Gerechtigkeit sowie dem Gemeinwohl ihrer Gesellschaft verpflichtet fühlte. Die Aussage des Propheten (s.a.w.s.) stellt damit einen klaren Widerspruch zu jener Denkrichtung dar, die sich im Laufe der islamischen Geistesgeschichte – und teilweise bis in die Gegenwart – durchgesetzt hat, wonach ein Eid oder Bündnis für Musliminnen und Muslime nur dann legitim sei, wenn es ausdrücklich einen islamischen Charakter habe oder/und zwischen Muslimen geschlossen worden sei.Noch einmal: Der entscheidende Punkt liegt darin, dass der Prophet (s.a.w.s.) ausdrücklich die Gültigkeit und den Respekt gegenüber Prinzipien der Gerechtigkeit und des Schutzes der Unterdrückten anerkennt – unabhängig davon, ob diese Prinzipien aus dem Islam selbst hervorgehen oder von außerhalb stammen.

Die dritte Lehre ergibt sich unmittelbar aus dieser Überlegung: Die Botschaft des Islams ist keineswegs ein in sich geschlossenes Wertesystem, das im Widerspruch zu anderen Wertetraditionen stünde. Von Anfang an hat der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) den Inhalt dieser Botschaft nicht als etwas radikal Anderes verstanden im Vergleich zu dem, was die Araber oder andere Gesellschaften seiner Zeit hervorgebracht hatten. Der Islam errichtet kein hermetisch abgeschlossenes Universum der Bezugnahme. Im Gegenteil: Er stützt sich auf eine Reihe universeller Prinzipien, die mit den Grundlagen und Werten anderer religiöser Überlieferungen und Glaubenssysteme übereinstimmen können – selbst wenn diese von einer polytheistischen Gesellschaft stammen, wie es im Fall Mekkas zur Zeit des Propheten war. Der Islam ist eine Botschaft der Gerechtigkeit, die Widerstand gegen Unterdrückung leistet und die Würde der Schwachen und Bedürftigen schützt. Deshalb sind Musliminnen und Muslime aufgerufen, den moralischen Wert eines Gesetzes oder eines Vertrags anzuerkennen, der genau diesen Anspruch stellt – unabhängig davon, wer ihn formuliert hat oder aus welcher Gesellschaft er stammt, ob islamisch oder nichtislamisch. Weit entfernt von einem exklusiven Loyalitätsverständnis, das Anerkennung und Bindung allein dem religiösen Kollektiv zuspricht, bemühte sich der Prophet (s.a.w.s.) darum, das Bewusstsein der Gläubigen im Sinne von Prinzipien zu formen, die geschlossene Loyalitäten überwinden und sich stattdessen auf eine primäre Bindung an universelle Werte stützen. Die islamische Offenbarung bringt in Wirklichkeit keine „neuen“ Prinzipien der Menschenwürde, Gerechtigkeit oder Gleichheit – sie erinnert vielmehr an sie und bestätigt sie. Diese ethische Weitsicht zeigt sich nicht nur auf der Ebene allgemeiner Prinzipien, sondern auch in den Aussagen des Propheten (s.a.w.s.) über individuelle Eigenschaften vor und nach dem Islam. So sagte er: „Die Besten unter euch in der Zeit der Unwissenheit (Dschāhiliyya) sind auch die Besten im Islam – sofern sie den Islam verstehen.“[22] Die moralische Qualität eines Menschen geht über seine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Referenzrahmen hinaus. Im Islam verlangt sie darüber hinaus Wissen und tiefes Verständnis, um wirklich zu erfassen, was der Islam bestätigt (das Prinzip der Gerechtigkeit) und was er reformieren will (alle Formen des Götzendienstes).[23]

Kurz zusammengefasst zieht Tariq Ramadan drei grundlegende Prinzipien aus dem Hilf al-Fudūl:

 

1.     Der Islam erkennt die von menschlichem Gewissen hervorgebrachten Werte an – selbst wenn sie aus einer anderen religiösen Tradition außerhalb des Islams stammen. Dies deshalb, weil der Prophet Muhammad (s.a.w.s.) ein Bündnis anerkannte, das noch vor dem Islam geschlossen wurde.

2.     Der Islam erkennt die Gerechtigkeit von Nichtmuslimen an. Im Fall des Hilf al-Fudūl waren es Nichtmuslime (sogar muschrikūn, also Polytheisten), die sich für die Gerechtigkeit und den Schutz der Unterdrückten einsetzten.

3.     Der Islam fordert keine Loyalität gegenüber einer geschlossenen Gemeinschaft, sondern gegenüber universellen Prinzipien. Die Botschaft des Islams ist kein abgeschlossenes Wertesystem, das mit anderen konkurriert oder im Widerspruch zu ihnen steht – vielmehr ist sie offen und universell orientiert.

 

Fazit

So zerrüttet und desorientiert eine Gesellschaft auch sein mag – es finden sich dennoch stets und zwangsläufig Elemente innerhalb dieser Gesellschaft, die universelle Werte wie Gerechtigkeit, Redlichkeit, Aufrichtigkeit, Nicht-Täuschung und Ablehnung von Unterdrückung bewahren, pflegen und für sie eintreten. Die Zusammenarbeit von Muslimen mit Menschen, die sich für diese Werte starkmachen, ist nicht nur aus islamischer Perspektive erlaubt, sondern bildet vielmehr den Kern der islamischen Botschaft. Aus diesem Grund stellt sie ein unverzichtbares Gebot dar, wenn es darum geht, eine gesunde Gesellschaft aufzubauen.

Gerade wir Muslime im Westen sollten das Beispiel von Hilf al-Fudūl als Ansporn nehmen, uns aktiv an unserer Gesellschaft zu beteiligen, zur Förderung und zum Schutz universeller Werte beizutragen – ohne dabei unsere muslimische Identität aufzugeben.

Die Vervollkommnung der muslimischen Identität bedeutet, den Glauben durch vernünftiges und verantwortungsvolles Handeln auszudrücken. Muslim zu sein heißt, entsprechend den islamischen Lehren zu handeln – unabhängig von der Umgebung. Es gibt im Islam keinerlei Aufforderung, sich aus der Gesellschaft zurückzuziehen, um Gott näher zu sein – im Gegenteil: Die Verwirklichung des Glaubens im Qur’an ist untrennbar mit Wohltätigkeit und sozialem Engagement verknüpft.[24] Der Prophet (s.a.w.s.) hat diese Dimension der muslimischen Identität immer wieder betont: „Derjenige, der Allah am liebsten ist, ist derjenige, der den Menschen am nützlichsten ist.“[25]

Der individuelle Glaube muss sich durch kohärente Taten ausdrücken. Zwar kann der Mensch vor Gott handeln, doch das allein genügt nicht: Er ist verpflichtet, sich unter die Menschen zu mischen – was klar das Ideal der Kommunikation und Kooperation mit Mitmenschen unterstreicht. Daraus ergibt sich, dass die Definition der muslimischen Identität offen, dynamisch und prinzipienbasiert ist – stets in Wechselwirkung mit der Umgebung, in der der Gläubige lebt.



[1] Vgl. Karen Armstrong, Muhammedi – një biografi e profetit, Tirana 2006, S. 83.

[2] „(Prophet Ibrahim sagte) Unser Herr, ich habe einen Teil meiner Nachkommenschaft in einem unfruchtbaren Tal nahe bei Deinem Heiligen Haus angesiedelt…“ (Qur’an, 14:37)

[3] „Allah gibt (euch) das Gleichnis an die Hand von einer Stadt, die Sicherheit und Frieden genoß, ihre Versorgung kam zu ihr reichhaltig von allen Seiten doch sie leugnete die Wohltaten Allahs, darum ließ Allah sie das Gewand des Hungers und der Furcht probieren für das, was sie zu tun pflegten.“ (Qur’an, 16:112); „Und (denket daran) als Abraham sprach: ‚Mein Herr, mache dies zu einer Stadt des Friedens und versorge mit Früchten die unter ihren Bewohnern, die an Allah und den Jüngsten Tag glauben‘, da sprach Er: ‚Und auch dem, der nicht glaubt, will Ich einstweilen Wohltaten erweisen; dann will Ich ihn in die Pein des Feuers treiben, und das ist eine üble Bestimmung‘.“ (Qur’an, 2:126).

[4] Joseph Chelhod, Introduction à la sociologie de l’Islam, Paris, 1958, in Izzet Er, Din Sosyolojisi, Ankara 1998, S. 130-131.

[5] Diese Tatsache wird sowohl im edlen Qur’an als auch von Muhammad (s.a.w.s.) in einem bekannten Hadith erwähnt. Der Qur’an sagt: „Siehe, die Anzahl der Monate bei Allah ist zwölf Monate nach dem Gesetz Allahs seit dem Tage, da Er die Himmel und die Erde erschuf. Von diesen sind vier heilig…“ (Qur’an, 9: 36) Und Muhammad (s.a.w.s.) sagte: „Wahrlich, die Zeit ist zu ihrem Ursprung zurückgekehrt, wie Allah sie geschaffen hat, als Er Himmel und Erde erschuf. Das Jahr zählt zwölf Monate, davon sind vier heilig: drei folgen unmittelbar aufeinander – Dhu’l-Qaʿda, Dhu’l-Hiddscha und Muharram – und der Monat Radschab ist der Monat des Stammes Mudar…“ (al-Buchārī, Muslim u. a.)

[6] Muhammed Hamidullah, Muhammed a.s. – Život, Band I, Sarajevo 1990, S. 79.

[7] Vgl. Ibn Hischām, Sīratu’n-Nabiyy, Bd. I, Tanta 1995, S. 180–182; Ibn Saʿd, aṭ-Ṭabaqātu’l-kubrā, Bd. I, Kairo 2001, S. 106–107; Hüseyin Algül, İslam Tarihi, Bd. I, Istanbul (o. J.), S. 168–169; Martin Lings, Muhammad – sein Leben nach den frühesten Quellen, Kandern 2008, S. 49; Muhammad Hamidullah, ebenda, S. 79–80.

[8] Hüseyin Algül, ebenda, S. 170.

[9] Vgl. Ibn Hischām, ebenda, S. 180; Ibn Saʿd, ebenda, S. 106–107; Martin Lings, ebenda, S. 50–51; Hüseyin Algül, ebenda, S. 170.

[10] Vgl. Ibn Hischām, ebenda, S. 177–179.

[11] Vgl. as-Suhaylī, ar-Rawḍ al-Unuf, Bd. I, Beirut (o. J.), S. 243; Ibn Habīb al-Baghdādī, al-Munammaq fī aḫbār Qurayš, Beirut 1985, S. 55.

[12] Vgl. Ibn Habīb al-Baghdādī, ebenda, S. 54; Hüseyin Algül, ebenda, S. 171; Muhammad Hamidullah, ebenda, S. 81.

[13] Vgl. Muhammad Hamidullah, ebenda, S. 81; Hüseyin Algül, ebenda, S. 171–172.

[14] Vgl. Muhammad Hamidullah, ebenda, S. 81–82; Hüseyin Algül, ebenda, S. 172.

[15] Vgl. Hüseyin Algül, ebenda, S. 172–173.

[16] Ahmad ibn Hanbal, Musnad, „al-Ašaratu’l-mubaššarūn bi’l-ǧanna“, Nr. 1609.

[17] al-Baihaqī, as-Sunan al-Kubrā, „al-Waṣāyā“, Nr. 12 110.

[18] In einem weiteren Hadith sagt der Prophet (s.a.w.s.):

لَا حِلْفَ فِي الْإِسْلَامِ وَأَيُّمَا حِلْفٍ كَانَ فِي الْجَاهِلِيَّةِ لَمْ يَزِدْهُ الْإِسْلَامُ إِلَّا شِدَّةً

„Es gibt keinen [neuen] Hilf im Islam. Doch jeder Hilf, der in der dschāhilīya (vorislamischen Zeit) bestand, wurde durch den Islam nur weiter gefestigt.“ (Muslim, Sahīh, „Fadā’ilu ’s-Sahāba“, Nr. 4595) Ibn Haǧar al-Asqalānī und Imam Nawawī erläutern, dass dieser Hadith nicht als Verbot von Bündnissen zu verstehen ist, die dem Allgemeinwohl und der Durchsetzung von Gerechtigkeit dienen. Verboten seien vielmehr jene Allianzen, die im Dienst des Unrechts stünden – sowie die Praxis der Erbfolgeregelung unter Mitgliedern solcher Bündnisse, wie sie in der vorislamischen Zeit üblich war. (Vgl. Ibn Haǧar: Fat‘h al-Bārī; an-Nawawī: Scharh Sahīh Muslim).

[19] Waris Mazhari, „Need for a New Hilf al-Fudul“, in: www.islamicvoice.com (zuletzt gesehen am 22. Juli 2025).

[20] Ibn Qayyim al-Ğawziyya, at-Ṭuruq al-Ḥikmiyya, Bd. 1, S. 13.

[21] Antony T. Sullivan, “Islam, America, and the political economy of liberty”, in: www.web.archive.org (zuletzt gesehen am 22. Juli 2025)

[22] Überliefert bei Ibn Hibbān in Raudat al-ʿUqalāʾخِيَارُكُمْ فِي الْجَاهِلِيَّةِ خِيَارُكُمْ فِي الإِسْلامِ إِذَا فَقِهُوا

[23] Tariq Ramadan, In the Footsteps of the Prophet – Lessons from the Life of Muhammad, New York 2007, S. 21-22.

[24] Tariq Ramadan, Të jesh musliman evropian, Skopje 2011, S. 281–283.

[25] at-Tabarānī, al-Bayhaqī u.a.: أَحَبُّ النَّاسِ إِلَى اللهِ أَنْفَعُهُمْ لِلنَّاسِ