Rehan Neziri

 

Je religiöser, desto weniger gebrauch vom Verstand?!

(Ein gefährliches Missverständnis des Islam)

 

Einleitung

In letzter Zeit, insbesondere unter einigen jungen Menschen, entsteht zunehmend ein beunruhigender Eindruck: Um religiöser, „frommer“ und gottesnäher zu werden, müsse der Mensch gewissermassen „den Verstand abschalten“. Der Verstand habe – so diese Sichtweise – in religiösen Angelegenheiten kaum oder gar keinen Wert. Im Gegenteil: Er werde als gefährlich angesehen, weil er fehlbar, begrenzt und somit der Religion gegenübergestellt, ja sogar als ihr widersprüchlich betrachtet wird.

Diese Denkweise ist nicht nur problematisch, sie ist dem Geist des Islam und seiner reichen intellektuellen Tradition zutiefst fremd. Sie konstruiert eine künstliche Trennung zwischen Religion und Vernunft, zwischen Offenbarung und Denken, und reduziert den Glauben auf einen Akt mechanischen Gehorsams – ohne Reflexion, ohne Fragen und ohne tiefes Verstehen.

 

Religiöser Literalismus und die Verneinung des Verstandes

Wie in jeder anderen Religion gibt es auch im Islam Gruppen und Individuen, die religiöse Texte ausschliesslich in ihrer unmittelbarsten, wörtlichen Form verstehen wollen und keinerlei andere Auslegung zulassen. Besonders dann, wenn es sich um mehrdeutige Aussagen, Metaphern, Allegorien oder um Texte handelt, die eng mit bestimmten historischen und gesellschaftlichen Umständen verbunden sind, lehnen sie jeden Versuch ab, diese über ihre blosse Oberfläche hinaus zu verstehen.

In dieser Herangehensweise wird all das ignoriert, was in der islamischen Tradition stets von zentraler Bedeutung war: der Kontext, der Zweck, die Intention und das endgültige Ziel eines Textes. Mit anderen Worten: Es wird das vernachlässigt, was muslimische Gelehrte seit jeher als hikmah (Weisheit) und maqasid (die höheren Ziele der göttlichen Lehre) bezeichnet haben.

Ja, es ist richtig, dass die Grundlage des Islam der Qur’an und die Sunna bilden. Ihre Texte sind bewahrt, sorgfältig überliefert und wohlbekannt. Doch diese Texte sprechen nicht von selbst; sie werden durch den menschlichen Verstand verstanden, interpretiert und angewendet. Es gibt keine „reine“ Religion ausserhalb des menschlichen Verstehensprozesses.

 

Die Ungerechtigkeit gegenüber dem Islam durch Verhärtung

Indem wir uns ausschliesslich auf einen religiösen Literalismus stützen, tun wir dem Islam selbst Unrecht. Wir verstümmeln ihn, verhärten ihn und reduzieren ihn auf ein starres System trockener Regeln – ohne Geist und ohne Elastizität. Dabei war der Islam historisch gesehen stets eine lebendige, dynamische, vielschichtige Religion, ebenso komplex wie das menschliche Leben selbst.

Der Islam richtet sich gleichzeitig an die Gebildeten und die Ungebildeten, den Bauern und den Wissenschaftler, den körperlich Arbeitenden und den Intellektuellen, den einfachen Gläubigen und den tiefgründigen Philosophen.

Den Islam so zu reduzieren, als sei er lediglich eine Religion für den ungebildeten Bauern, und dabei die Bedürfnisse und geistigen Fähigkeiten von Menschen mit hohem intellektuellem Niveau zu ignorieren, ist ein Verrat an seinem universalen Anspruch. Der Islam fürchtet den starken Verstand nicht – im Gegenteil, er fordert ihn zum Denken, zum Nachdenken und zum Verstehen auf.

 

Das beunruhigende Phänomen mancher Jugendlicher heute

Genau diesen Fehler begehen heute einige junge Menschen: häufig ungebildet oder unzureichend ausgebildet, sowohl im allgemeinen als auch im religiösen Sinne, neigen sie dazu, die Religion eng, starr und mechanisch zu verstehen. In diesem Prozess erkennen sie der Vernunft und dem menschlichen Intellekt keinerlei Wert zu; vielmehr betrachten sie diese als Bedrohung für die Religion.

Nach ihrer Auffassung „verdirbt“ tiefes Nachdenken den Glauben. Sie sind nicht bereit zu akzeptieren, dass Menschen mit höherer intellektueller Kapazität die Religion anders verstehen dürfen, wollen und sogar müssen als sie selbst. Die unausgesprochene, aber klare Botschaft lautet: „Denkt nicht zu viel. Ihr dürft die Religion nur so verstehen, wie wir sie verstehen. Das ist der wahre Glaube. Jede andere Auffassung ist eine Abweichung.“

Diese ausgrenzende und autoritäre Denkweise ist zutiefst problematisch und steht im Widerspruch zur klassischen islamischen Tradition, in der Meinungsvielfalt die Regel war – nicht die Ausnahme.

 

Das digitale Zeitalter und die massenhafte Verbreitung des Problems

Heute leben wir in einer Zeit, in der nahezu jeder Zugang zur digitalen Welt hat und die Möglichkeit besitzt, seine Ansichten öffentlich zu äussern – unabhängig davon, ob sie fundiert sind oder nicht. In dieser Realität verbreiten sich oberflächliche, fehlerhafte und unbegründete religiöse Interpretationen mit atemberaubender Geschwindigkeit und erzeugen Verwirrung, Spaltung und geistige Erschöpfung unter Muslimen.

Das Problem besteht nicht darin, dass Menschen unterschiedlich denken. Das Problem entsteht dann, wenn Nichtdenken als Frömmigkeit verkauft und Reflexion als Abweichung dämonisiert wird.

 

Schlussbemerkung

Ein rein literalistischer Zugang zur Religion, der den menschlichen Verstand und Intellekt missachtet, metaphorische und allegorische Ausdrucksformen religiöser Texte ignoriert, zeitliche, geografische und soziologische Offenbarungskontexte ausser Acht lässt und schliesslich die höheren Ziele (maqasid), auf die diese Texte abzielen, übergeht, schadet der Religion. Er schadet den Muslimen und der Gesellschaft insgesamt.

Eine verstümmelte Religion, reduziert auf das intellektuelle Niveau der Ungebildeten, ist kein Zeichen von Frömmigkeit, sondern eine ernste Gefahr – eine ideologische Bombe, die jederzeit explodieren kann.

Der Islam verlangt nicht die Ausschaltung des Verstandes, sondern seine Erleuchtung.