Für religion.ch
Rehan Neziri und Nadire Mustafi
Ob Schule ein Ort der Orientierung in religiösen Fragen sein soll, ist umstritten. Fakt ist jedoch: Während Religionsunterricht christlicher Traditionen in vielen Kantonen über die Schule zugänglich ist, bleibt muslimischen Schüler:innen diese Möglichkeit verwehrt. Unsere Zeit von Social Media und Polarisierung unterstreicht jedoch die Bedeutung eines islamischen Religionsunterrichts. Rehan Neziri, Imam und Religionslehrer, und Nadire Mustafi, Lehrbeauftragte und Fachstellenleiterin an der PH St. Gallen, waren an der Erarbeitung eines Lehrplans für den islamischen Religionsunterricht im Kanton Thurgau beteiligt und reflektieren dessen Notwendigkeit und Herausforderungen.
Wieso der islamische Religionsunterricht in den öffentlichen Schulen? Der Bedarf nach der Einführung des islamischen Religionsunterrichts an den öffentlichen Schulen von Kreuzlingen und weiteren Städten des Kantons Thurgau – parallel zum bestehenden katholischen und reformierten Unterricht – ergab sich aus dem Zusammenspiel mehrerer sich gleichzeitig verdichtender Faktoren.
SOZIALE REALITÄT UND INTEGRATION
In mehreren Schulen erreicht der Anteil muslimischer Schülerinnen und Schüler inzwischen das Niveau der evangelisch-reformierten und nähert sich dem der katholischen Schülerschaft an. Während christliche Kinder den konfessionellen Religionsunterricht besuchen konnten, blieb muslimischen Lernenden diese Möglichkeit verwehrt; sie waren während dieser Zeit ohne pädagogische Begleitung sich selbst überlassen.
ISLAMISCHER RELIGIONSUNTERICHT FÖRDERT GLEICHBEHANDLUNG.
Die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts stellt daher nicht nur eine zentrale Massnahme schulischer und gesellschaftlicher Integration dar, sondern fördert zugleich Gleichbehandlung und Wertschätzung, indem muslimische Schülerinnen und Schüler auf Augenhöhe mit ihren christlichen Mitschülerinnen und Mitschülern lernen können.
RELIGIÖSE RELEVANZ UND MEDIENKONTEXT
Religion – und insbesondere der Islam – bleibt trotz fortschreitender Säkularisierung ein zentraler Gegenstand gesellschaftlicher, schulischer und virtueller Diskurse. Jugendliche begegnen in sozialen Medien vielfältigen Islambildern, die von authentisch bis stark verzerrt reichen.
RELIGION BLEIBT GEGENSTAND SCHULISCHER DISKURSE.
Der islamische Religionsunterricht eröffnet ihnen die Möglichkeit, familiär geprägte Vorstellungen kritisch zu reflektieren, mit medialen Narrativen abzugleichen und ein eigenständiges, reflektiertes Islamverständnis zu entwickeln, das sowohl dem schweizerischen Kontext als auch ihrer persönlichen religiösen Identität entspricht.
PRÄVENTION EXTREMISTISCHER EINFLÜSSE
Das Auftreten extremistischer Gruppierungen, die ein verzerrtes Islambild propagieren und auch Jugendliche in westlichen Gesellschaften ansprechen, erfordert die schulische Vermittlung eines klaren, lebensbejahenden und friedensorientierten Islamverständnisses. Dies muss in der Sprache der Jugendlichen und in einem Umfeld geschehen, das Bildung wie soziale Entwicklung gleichermassen berücksichtigt.
Zwar kann der islamische Religionsunterricht keinen vollständigen Schutz vor Radikalisierung leisten, er vermittelt jedoch zentrale Kompetenzen zur eigenständigen Reflexion von Religion und Lebensführung. In diesem Sinne erfüllt er eine präventive Funktion, indem er Aufklärung, kritisches Denken und Resilienz gegenüber extremistischen Strömungen fördert.
VERMITTLUNGSFUNKTION
Nach Einführung des islamischen Religionsunterrichts zeigte sich eine zusätzliche Funktion der muslimischen Religionslehrperson als Vermittlerin zwischen Schule und Elternhaus. In Situationen, in denen schulische Anforderungen mit religiösen Überzeugungen kollidierten – etwa beim Schwimmunterricht, bei Schullagern, beim Ramadanfasten oder bei kulturellen Veranstaltungen –, konnte sie aufgrund ihrer doppelten Verankerung im schulischen und religiösen Kontext pragmatische Lösungen entwickeln.

Bild: Rehan Neziri im islamischen Religionsunterricht in Kreuzlingen. Foto: @Rehan Neziri
Diese Mittlerrolle, häufig durch die hohe Autorität des Lehrers als Imam gestützt, erwies sich als zentral, um sowohl die Anforderungen des Bildungssystems als auch die religiösen Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler zu berücksichtigen, ohne eines von beiden zu kompromittieren.
IDENTITÄTSBILDUNG IN PLURALER GESELLSCHAFT
Die wachsende Vielfalt und Pluralität unserer Gesellschaft birgt auch Herausforderungen und bietet nicht nur Chancen – gerade für Jugendliche in der sensiblen Phase ihrer Schulzeit. In dieser Lebensphase stehen sie vor der Aufgabe, verschiedene Elemente ihrer Identität – seien sie kultureller, sozialer oder religiöser Natur – zu einem stimmigen Ganzen zu verbinden. Dieser Prozess gelingt jedoch nicht automatisch, sondern erfordert gezielte pädagogische Begleitung, wie dies der Islamische Religionsunterricht tun kann.
MUSLIMISCHE JUGENDLICHE SIND ALLEIN, WENN ES UM RELIGIÖSE IDENTITÄTSENTWICKLUNG GEHT.
Viele Unterrichtsfächer leisten bereits heute einen Beitrag dazu, dass Schülerinnen und Schüler lernen, Unterschiedlichkeit wahrzunehmen und positiv zu deuten. Geht es jedoch um die religiöse Dimension der Identitätsentwicklung, sind vor allem muslimische Jugendliche oftmals auf sich allein gestellt. Empirische Untersuchungen verdeutlichen, dass die Zugehörigkeit zur eigenen Religionsgemeinschaft zwar ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit vermitteln kann, jedoch häufig nicht ausreicht, um eine differenzierte und pluralitätssensible Auseinandersetzung mit dem Islam zu ermöglichen. Gründe dafür liegen unter anderem in begrenzten Ressourcen oder in einer nur eingeschränkten Berücksichtigung der innerislamischen Vielfalt.
Gerade deshalb bietet sich die Schule als ein zentraler Ort an, an dem muslimische Jugendliche lernen können, ihre Identitätsfindung als Schweizer Muslim:innen aktiv und konstruktiv zu gestalten. Ein pädagogisch verantworteter und fachlich fundierter islamischer Religionsunterricht kann ihnen dabei helfen, Orientierung zu gewinnen und ihre Rolle in einer vielfältigen Gesellschaft reflektiert wahrzunehmen.
RELIGIÖSE BILDUNG ALS TEIL DES BILDUNGSAUFTRAGS
Religiöse Bildung ist nicht mit kirchlicher Unterweisung gleichzusetzen, sondern versteht sich als eigenständiger Beitrag zum umfassenden Bildungsauftrag der Schule. Sie steht im Kontext einer pluralen Gesellschaft und hat das Ziel, Schülerinnen und Schüler darin zu fördern, unterschiedliche religiöse Traditionen und Weltanschauungen zu verstehen und in reflektierter Weise einordnen zu können. Im Vordergrund steht dabei nicht die Verteidigung eines exklusiven Wahrheitsanspruchs, sondern die kritische und fachlich fundierte Auseinandersetzung mit den Inhalten der eigenen Religion.
IM VORDERGRUND STEHT DIE KRITISCHE AUSEINANDERSETZUNG MIT DER EIGENEN RELIGION.
Gleichzeitig werden die Lernenden ermutigt, aus den Prinzipien ihrer Glaubenstradition Argumente abzuleiten, die den Wert von Vielfalt, Dialog und friedlichem Zusammenleben unterstützen. Auf diese Weise leistet religiöse Bildung einen wichtigen Beitrag zur Persönlichkeitsentwicklung und zur Stärkung demokratischer Kompetenzen im schulischen Kontext im Rahmen des islamischen Religionsunterrichts.
AUSARBEITEN EINES LEHRPLANS: WER MACHTE ALLES MIT?
Nach den positiven Erfahrungen mit dem islamischen Religionsunterricht in Kreuzlingen über vierzehn Jahre wurde ein vergleichbarer Bedarf auch in weiteren Gemeinden des Kantons Thurgau (u. a. Romanshorn, Sulgen, Bürglen) deutlich. Zunächst basierte der Unterricht auf deutschen Lehrplänen und Materialien.
Mit der Einführung des kompetenzorientierten Lehrplan 21 entstand jedoch die Notwendigkeit, einen spezifisch auf die Schweizer Verhältnisse abgestimmten Lehrplan zu entwickeln. Zu diesem Zweck erarbeitete eine interdisziplinäre Expert:innengruppe aus islamischer und christlicher Theologie sowie Religionspädagogik in einem zweijährigen Projekt einen neuen Lehrplan im Auftrag der islamischen Vereine und des Dachverbands DIGO, koordiniert durch den Interreligiösen Arbeitskreis Thurgau. Grundlage bildete der in Baden-Württemberg anerkannte Lehrplan «Islamische Religionslehre sunnitischer Prägung», da er kompetenzorientiert ist und die religiöse Zusammensetzung der Thurgauer Schülerschaft (über 90 % sunnitisch) berücksichtigt.
DER PROZESS WURDE PARTIZIPATIV UND INTERDISZIPLINÄR ANGELEGT.
Bei der Erarbeitung des Lehrplans war entscheidend, dass der Prozess von Beginn an partizipativ und interdisziplinär angelegt war. Fachpersonen aus Pädagogik, Religionswissenschaft, Schulpraxis und Vertretungen der muslimischen sowie christlichen Gemeinschaften brachten ihre Perspektiven ein. Diese Vielfalt war nicht nur ein organisatorisches Detail, sondern bildete die Grundlage für dieses Dokument, das unterschiedliche Sichtweisen ernst nimmt und integriert.
Zugleich ist der Lehrplan nicht als starres Regelwerk zu verstehen, sondern als interaktives Arbeitsinstrument. Er lädt dazu ein, ihn im schulischen Alltag weiterzuentwickeln, Erfahrungen einzubringen und neue Impulse aufzunehmen. Damit spiegelt der Lehrplan selbst jene Offenheit und Dialogbereitschaft wider, die er den Schülerinnen und Schülern vermitteln will.
WELCHE HINDERNISSE ERGEBEN SICH IN DER DURCHSETZUNG DIESES LEHRPLANS UND UNTERRICHTES?
Parallel zur Ausarbeitung des neuen Lehrplans organisierte die Projektgruppe mehrere Workshops für die im Kanton Thurgau tätigen Lehrpersonen, um dessen Verständnis und Umsetzung zu vertiefen. Das Engagement der Teilnehmenden war hoch, die Ergebnisse positiv.
Ab dem Schuljahr 2025/26 wurde der Lehrplan offiziell eingeführt. Noch fehlen jedoch spezifische islamische Lehrmittel, die mit dem neuen Lehrplan übereinstimmen; bis zu deren Entwicklung werden weiterhin Materialien aus Deutschland genutzt.
NOCH FEHLEN LANGFRISTIGE KONZEPTE ZUR NACHHALTIGKEIT DES LEHRPLANS.
Eine weitere Herausforderung stellt die fehlende Ausbildung von Lehrpersonen für den islamischen Religionsunterricht in der Schweiz dar. Der Unterricht wird derzeit vorwiegend von Imamen der lokalen Moscheegemeinden übernommen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer qualifizierten akademischen Ausbildung für Religionslehrpersonen, Imame, Seelsorgende und muslimische Sozialarbeitende in der Schweiz. Eine solche Institutionalisierung würde nicht nur die muslimische Gemeinschaft stärken, sondern auch einen wesentlichen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenleben leisten.
Auch die institutionelle Unterstützung durch kantonale Stellen und die Integration des Unterrichts in den Schulalltag stellen Herausforderungen dar. Hinzu kommen Fragen der Akzeptanz bei Schülerinnen, Schülern und Eltern sowie die Notwendigkeit kontinuierlicher Fortbildungen, methodischer Anpassungen an unterschiedliche Altersgruppen und der Umgang mit sensiblen Themen. Schliesslich fehlen bislang langfristige Konzepte zur Sicherung der Nachhaltigkeit des Lehrplans, etwa durch Netzwerke zwischen Lehrkräften, Fachpersonen und Moscheegemeinden, sowie digitale Ressourcen und technische Infrastruktur für einen modernen Unterricht.
Quelle: www.religion.ch

