Rehan Neziri

 

Die Nachricht vom Amoklauf und der Ermordung von zehn Menschen an einer Schule in Graz, Österreich, am 10. Juni 2025 – verübt von einem ehemaligen Schüler – hat uns alle tief erschüttert. Unser aufrichtiges Beileid gilt den Familien, Freundinnen und Freunden der Opfer sowie den Schulverantwortlichen angesichts dieses unermesslichen Verlustes.

Für uns Muslim*innen im Westen ist die erste Reaktion auf solche Tragödien oft eine zusätzliche Sorge: Die bange Frage, ob der Täter möglicherweise ein Muslim war. Denn sollte dies der Fall sein, steht uns eine bekannte und schmerzhafte Dynamik bevor: Entweder wird unterstellt, dass er durch eine extremistische Ideologie mit islamischem Hintergrund radikalisiert wurde – oder aber, dass es sich um einen jungen Muslim handelt, der, wie viele andere auch, unter persönlichen, familiären oder sozialen Problemen litt – etwa schulischem Misserfolg, Mobbing durch Gleichaltrige, Diskriminierung im Alltag, familiären Spannungen oder Verlusten nahestehender Personen. Solche Erfahrungen können in Ausnahmesituationen zu tragischen Affekttaten führen.

Selbst wenn kein ideologisch-religiöses Motiv vorliegt, zögern viele Medien, Plattformen, Politiker*innen und Kommentator*innen nicht, solche Fälle dennoch zu „islamisieren“, also mit dem Islam zu verknüpfen. Der Islam wird dabei pauschal als Religion mit inhärenten Gewaltpotenzialen dargestellt. Während ein nicht-muslimischer Jugendlicher in ähnlicher Situation als psychisch labil oder sozial auffällig eingestuft würde, wird ein muslimischer Jugendlicher häufig pauschal als „extremistischer Muslim“ etikettiert. Es folgt die übliche Spirale aus Verallgemeinerung und Stigmatisierung: Muslim*innen werden kollektiv mit Terrorismus, Extremismus oder gar Faschismus assoziiert.

Mir geht es nicht darum, Gewalt zu relativieren oder zu rechtfertigen – ebenso wenig darum, den Täter zu entlasten, ganz gleich welcher Herkunft oder Religion er angehört. Vielmehr möchte ich auf die strukturelle Ungleichbehandlung in der gesellschaftlichen Bewertung und Kategorisierung von Täterprofilen aufmerksam machen. Gerade diese doppelte Moral belastet uns Muslim*innen in solchen Momenten auf besonders schmerzhafte Weise – so auch im aktuellen Fall in Graz.

Ich selbst habe über dreieinhalb Jahre hinweg die Radikalisierung muslimischer Jugendlicher wissenschaftlich untersucht. Gemeinsam mit meinem Freund Bashkim Aiu habe ich das Buch „Extremismus im Namen des Islam“ verfasst. Unsere Forschung zeigt: In den meisten Fällen religiös motivierter Radikalisierung im Westen – etwa bei Jugendlichen, die sich dem sogenannten ISIS anschlossen – war der Islam nicht der Ausgangspunkt. Vielmehr bildeten persönliche, familiäre, soziale und wirtschaftliche Schwierigkeiten die Grundlage. Der Islam – genauer: eine rigide und verzerrte Auslegung seiner Lehren – wurde erst im späteren Verlauf zur ideologischen Projektionsfläche und zum Manipulationsinstrument. Dies bestätigen auch empirische Studien aus der Schweiz und Deutschland, auf die wir in unserem Buch (bald erscheint auch auf Deutsch) ausführlich eingehen.

Verantwortlich für solche Radikalisierungsprozesse sind nicht nur die betroffenen Jugendlichen selbst, sondern eine Vielzahl von Akteuren: Familien, Schulen, religiöse Einrichtungen, Medien, politische Instanzen, digitale Plattformen – kurz: die gesamte Gesellschaft.

Ein besonders kritisches Schlaglicht auf diesen Komplex wirft die im März dieses Jahres auf Netflix veröffentlichte britische Mini-Serie „Adolescence“. In vier Episoden widmet sie sich einem der brisantesten Themen unserer Zeit: Gewalt unter Jugendlichen – und tut dies mit einer Tiefe und Ernsthaftigkeit, die selten geworden ist.

Ohne in Klischees zu verfallen oder die Realität zu beschönigen, stellt die Serie eine erschütternde Frage: Was bringt ein 13-jähriges Kind dazu, eine Mitschülerin zu töten?

Während viele Filme sich mit simplen Erklärungen wie „psychische Störung“, „zerrüttetes Elternhaus“ oder „mediale Überflutung“ zufriedengeben, geht „Adolescence“ einen anderen Weg. Die Serie verweigert sich der Suche nach einem „einfachen Schuldigen“. Stattdessen entwirft sie das Bild eines komplexen Geflechts aus Versäumnissen – ein System, das es nicht geschafft hat, ein Kind rechtzeitig zu sehen, zu hören und zu schützen.

Der ermittelnde Polizist beginnt seine Arbeit mit den üblichen Fragen: Wie ist die familiäre Situation? Wie sieht das soziale Umfeld aus? Gibt es Auffälligkeiten in der Schule? Doch er stösst schnell an Grenzen – ein stiller, aber deutlicher Hinweis auf die Unzulänglichkeit traditioneller Erklärungsmodelle in einer sich rasant wandelnden Jugendkultur.

Zentrales Thema der Serie ist der Peer-Mobbing – inzwischen nicht mehr nur im Schulhof, sondern zunehmend im digitalen Raum. Cybermobbing geschieht lautlos, dafür umso gnadenloser: durch Kommentare, Verleumdungen, gezielte Isolation. Die Folgen sind gravierend: Jugendliche ziehen sich zurück, vereinsamen – und suchen im düsteren Kosmos des Internets nach Sinn, Anerkennung oder gar Identität.

Die Einsamkeit junger Menschen hat heute pandemische Ausmasse erreicht. Viele wissen nicht mehr, mit wem sie über ihre Sorgen sprechen sollen. Wenn der familiäre Dialog gestört ist, das Bildungssystem mehr diszipliniert als begleitet – dann bleibt oft nur noch der Bildschirm als scheinbarer „Freund“. Doch dieser tröstet selten – häufiger verletzt er.

Ein besonders verstörender Aspekt der Serie ist die Darstellung der sogenannten „Incel“-Ideologie („involuntary celibate“ – unfreiwilliges Zölibat). In dieser Internet-Subkultur erleben sich junge Männer, die sich von der Gesellschaft und insbesondere von Beziehungen ausgeschlossen fühlen, als Opfer systematischer Ungerechtigkeit. In Ermangelung eines sinnstiftenden Weltbildes erschaffen sie Feindbilder – und versuchen, durch Gewalt Kontrolle zurückzugewinnen. „Adolescence“ rechtfertigt dieses Denken nicht, sondern entlarvt es als tragische Folge kollektiver Versäumnisse.

Die Serie ist mehr als ein Krimi – sie ist ein Spiegel unserer Zeit, ein gesellschaftlicher Weckruf und ein eindringliches Plädoyer für Zuhören, Hinsehen und Handeln. Es geht nicht nur um einen schockierenden Mord – sondern um die fundamentale Frage: Wie konnte ein solcher Junge entstehen?

Der jugendliche Täter Jamie wiederholt immer wieder: „Ich war’s nicht“. Selbst gegenüber seinem Vater, zu dem er ein enges Verhältnis pflegt, bleibt er dabei. Es ist, als wolle er uns sagen: „Ich war es nicht allein – das System, in dem ich lebe, ist mitverantwortlich. Meine Familie, die nicht weiss, was ich am Computer mache, trägt Verantwortung. Meine Schule, in der Mobbing Alltag ist. Die Medien, die Gewalt verherrlichen. Unsere Erfolgsnormen, die nur Reichtum, Ruhm und Lust zählen lassen…“

„Adolescence“ fragt nicht: „Ist Jamie schuldig?“ – sondern: „Wie haben wir Jamie erschaffen?“

Diese Serie ist keine leichte Kost – aber sie ist notwendig. Sie ist ein künstlerisch kraftvoller Aufruf zur Selbstreflexion – für Eltern, für Schulen, für eine Gesellschaft, die allzu oft dabei ist, ihre Kinder zu verlieren.

Ich kann nur empfehlen, sich „Adolescence“ anzuschauen. Die Serie hat inzwischen nicht nur internationale Anerkennung erhalten, sondern wird auch in politischen, wissenschaftlichen und pädagogischen Kreisen intensiv diskutiert.

 

Kreuzlingen, 11.06.2025