Rehan Neziri
SUNNA UND MODERNE GESELLSCHAFT:
EIN PROBLEM DER RELIGION ODER DER INTERPRETATION?
Eine der wichtigsten Debatten des gegenwärtigen Islam betrifft die Frage, ob der Islam im Gegensatz zur Moderne steht oder ob dieser Antagonismus vielmehr aus der Art und Weise entsteht, wie der Islam unter unterschiedlichen historischen Bedingungen interpretiert und gelebt wird. Im islamischen Diskurs begegnet man häufig einer konservativen Haltung, wonach die Sunna des Propheten a.s., geschweige denn der edle Qur'an, nicht mit der modernen Gesellschaft vereinbar sei und der Gläubige nicht danach streben solle, sich der Realität seiner Zeit anzupassen, sondern allein das Paradies zum Ziel haben müsse.
Anlass zu diesem Artikel gab das Zitat eines „Imams“, der zu einem sehr konservativen Spektrum angehört und der sagte: „Wir wissen, dass die Sunna des Propheten a.s. nicht zu der Gesellschaft passt, in der wir leben. Aber unser Ziel ist das Paradies und nicht, uns dieser Gesellschaft anzupassen.“
Auf den ersten Blick klingt eine solche Haltung tief religiös und fromm. Dennoch erzeugt sie ein Paradox: Ungewollt stimmt sie teilweise mit den Behauptungen von Islamfeinden und Islamophoben überein, die behaupten, der Islam sei mit der modernen Welt unvereinbar. Der Unterschied liegt lediglich in der Bewertung: Islamophobe betrachten dies als einen Mangel des Islam, während konservative Muslime darin einen Beweis seiner Überlegenheit sehen. Doch die grundlegende Frage bleibt: Liegt das Problem im Islam selbst oder in der Art und Weise, wie er interpretiert wird?
Häufig entsteht diese Wahrnehmung aus einem unausgewogenen Vergleich. Einerseits wird eine idealisierte Version des frühen Islam herangezogen, andererseits werden nur die problematischsten Seiten der Moderne betrachtet: Konsumismus, extremer Individualismus, moralischer Relativismus oder die Fragmentierung der Familie. Dadurch geraten die Errungenschaften der modernen Zivilisation – wissenschaftlicher Fortschritt, Massenbildung, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und der Schutz der Menschenwürde – in den Hintergrund. Paradoxerweise begehen Islamophobe denselben Fehler, jedoch in umgekehrter Richtung: Sie vergleichen die Ideale der Moderne mit den problematischsten Erscheinungsformen der islamischen Welt. In beiden Fällen entsteht ein verkürztes Bild der Wirklichkeit.
Die islamische Religion mit ihren beiden grundlegenden Quellen – dem Qur'an und der Sunna – ist kein statisches System, das von Geschichte und Gesellschaft losgelöst wäre. Im Gegenteil: Die Geschichte des Islam zeugt von einer aussergewöhnlichen Fähigkeit, sich in unterschiedlichen kulturellen und zivilisatorischen Kontexten zu verwirklichen. Der Islam verbreitete sich in Arabien, Persien, Andalusien, Indien, auf dem Balkan und in Afrika und nahm unterschiedliche kulturelle Formen an, ohne seine grundlegende Identität zu verlieren.
Es ist wichtig zu betonen, dass niemand eine Veränderung des Qur'ans oder der Sunna fordert. Diese Quellen bleiben als Texte unveränderlich. Was sich jedoch verändert und verändern muss, ist ihr Verständnis und ihre Anwendung unter neuen historischen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen. Jede Generation von Muslimen stand vor der Aufgabe, Brücken zwischen Text und Kontext, zwischen den bleibenden Werten der Offenbarung und den Herausforderungen ihrer Zeit zu schlagen.
Religion ist kein historisches Museum, das erstarrte Formen der Vergangenheit bewahrt, sondern ein lebendiges System, das seine Identität bewahrt, indem es sich fortwährend den Herausforderungen der Zeit stellt.
Der Qur'an und die Sunna enthalten universelle und zeitlose Lehren wie den Glauben (Aqida), die gottesdienstlichen Handlungen (Ibadat) und die grundlegenden moralischen Prinzipien (Akhlaq). Zugleich enthalten sie historische und lokale Elemente, die mit der Wirklichkeit Arabiens im 7. Jahrhundert verbunden sind. Dies mindert ihren göttlichen Charakter keineswegs; vielmehr zeigt es, dass sich die Offenbarung an konkrete Menschen in konkreten Umständen richtete. Innerhalb dieser historischen Formen finden sich universelle Werte, die in unterschiedlichen Zeiten und Räumen aktualisiert werden können.
Die frühe islamische Geschichte belegt diese Dynamik. Selbst die Gefährten des Propheten Muhammad a.s. verstanden den Text nicht als starres Rechtssystem, sondern nach den Zwecken suchten, der hinter ihm stunden.
Eine der Schwächen konservativer Ansätze besteht in der Tendenz, den Islam nahezu vollständig mit dem historischen und kulturellen Umfeld Arabiens des 7. Jahrhunderts zu identifizieren. So werden bestimmte arabische Elemente – die im Kontext des Qur'ans, stärker in der Sunna und noch stärker in der späteren islamischen Tradition präsent sind – als universale Normen der Religion selbst behandelt. Dadurch verschwimmt die Unterscheidung zwischen genuin religiösen Lehren und den historischen sowie kulturellen Formen, in denen diese ausgedrückt wurden. Die Universalität des Islam besteht nicht in der Arabisierung der Völker, sondern in der Fähigkeit seiner Werte, sich in unterschiedlichen Sprachen, Kulturen und Zivilisationen zu verkörpern.
Eine Folge dieser Haltung kann die Entstehung von Spannungen zwischen religiöser und kultureller Identität sein. Im Bemühen, den Islam von sogenannten Bid'a (religiösen Neuerungen oder menschlichen Zusätzen zur Religion) zu „reinigen“, werden häufig auch Traditionen und kulturelle Ausdrucksformen, die historisch mit dem Islam koexistiert haben, als Abweichungen vom „authentischen Islam“ verworfen. Dadurch wird das, was im Kern ein kultureller Unterschied ist, als religiöser Unterschied interpretiert, und der Gläubige läuft Gefahr, sich seiner eigenen Kultur und Gesellschaft zu entfremden.
Das Leben steht nicht still, und die Geschichte hört niemals auf, sich zu bewegen. Deshalb kann auch das religiöse Denken nicht in einer einzigen historischen Epoche erstarren. Mit dem Rhythmus des Lebens Schritt zu halten, bedeutet nicht, die Religion zu verändern, sondern sie lebendig und inspirierend zu erhalten. Wir sollten nicht befürchten, dass jede neue Interpretation automatisch eine Verfälschung oder gar den Verlust der Religion bedeutet. Die Geschichte des islamischen Denkens ist eine Geschichte vielfältiger Interpretationen; unveränderlich bleiben die Quellen und ihre universellen Werte, während sich ihr Verständnis und ihre Anwendung wandeln.
Das Problem liegt daher nicht im Qur'an und in der Sunna, sondern in der Behauptung, eine historische Interpretation dieser Quellen sei die einzig gültige für alle Zeiten und Orte. In diesem Sinne darf Tradition nicht als mechanische Bewahrung vergangener Formen verstanden werden, sondern als schöpferische Weitergabe ihres Geistes an neue Zeiten. Wie ein bekanntes Wort sagt:
„Tradition ist nicht die Anbetung der Asche, sondern die Bewahrung und Weitergabe des Feuers.“
Letztlich sind das Streben nach dem Paradies und die Verantwortung für den Aufbau dieser Welt keine Gegensätze, die einander ausschliessen. Der Qur'an stellt das Jenseits nicht als Grund dar, sich von der Welt abzuwenden, sondern als Motivation, sie auf Gerechtigkeit, Wissen und Barmherzigkeit aufzubauen.
Der Gläubige ist nicht dazu berufen, vor der Gesellschaft zu fliehen, sich von ihr zu isolieren oder sich zu ghettoisieren, sondern zu einem gestaltenden Faktor in ihr zu werden.
Die Treue zum Islam besteht nicht darin, die Asche historischer Formen zu bewahren, sondern das Feuer seiner universellen Werte in jede Zeit und an jeden Ort weiterzutragen.
Kreuzlingen, 13.06.2026

