Rehan Neziri
Wenn alles dringend ist, ist nichts prioritär
Eine Reflexion über die Ordnung der Werte im Islam
Eine der stillsten Krisen unserer Zeit ist weder der Mangel an Wissen noch die Armut an Mitteln, sondern die Störung der Prioritäten. Der moderne Mensch weiss viel, handelt viel, engagiert sich unermüdlich – jedoch oft ohne einen klaren Kompass, der ihm zeigt, was an erster Stelle stehen soll, was danach kommt und was, obwohl erlaubt, warten kann.
Eine der wichtigsten Fragen, die sich der Mensch stellen sollte, lautet daher nicht: Was tue ich?, sondern: Was setze ich an die erste Stelle? Denn das Leben wird nicht allein an der Menge der Taten gemessen, sondern an ihrer Ordnung. Wenn alles zur Dringlichkeit erklärt wird, bleibt nichts mehr wirklich prioritär.
Der Islam betrachtet das menschliche Leben als ein harmonisches Ganzes aus Körper, Verstand und Seele. Jede Störung dieses Gleichgewichts führt zu Verzerrungen – selbst dann, wenn die Absichten gut erscheinen. Deshalb erinnert uns der Qur’an: „Unser Herr, Du hast dies nicht umsonst erschaffen.“ (Alu Imran, 3:191)
Der Islam – als Religion und als Lebensordnung – sieht die Dinge nicht als chaotisch verstreut, sondern als sinnvoll geordnet. Er setzt Handlungen, Engagements und Ziele nicht gleich, sondern bewertet, wägt und ordnet sie nach ihrer tatsächlichen Bedeutung für den Menschen, für die Gesellschaft und letztlich für seine Beziehung zu Allah, dem Erhabenen.
Im persönlichen Leben verfällt der Mensch häufig der Falle, gute Taten gleichzusetzen. Er meint, alles Gute sei gleichwertig, ohne zu erkennen, dass auch innerhalb des Guten eine Hierarchie existiert. Der Qur’an formuliert dieses Prinzip mit eindringlicher Klarheit, wenn er fragt: „Sind etwa diejenigen gleich, die wissen, und diejenigen, die nicht wissen?“ (az-Zumar, 39:9) Diese Frage bedarf keiner Antwort, denn das Leben selbst zeigt, dass absolute Gleichheit zwischen Taten und Menschen eine moralische Illusion ist.
Das Leben als Entscheidung und Verantwortung
Im Alltag erstellt jeder von uns – bewusst oder unbewusst – eine eigene Prioritätenliste: Gesundheit, Arbeit, Familie, Bildung, Freizeit, Religion, gesellschaftliches Engagement. Das Problem liegt nicht in der Existenz dieser Bereiche, sondern in ihrer Reihenfolge.
Aus islamischer Perspektive bedeutet Priorität, jeder Sache ihren angemessenen Platz zuzuweisen. Nicht alles Gute ist zu jeder Zeit das Beste. Dies wird im Qur’an deutlich, wenn Allah, der Erhabene, Handlungen gegenüberstellt, die auf den ersten Blick gleichwertig erscheinen, es auf der göttlichen Waage jedoch nicht sind: „Stellt ihr etwa die Tränkung der Pilger und das Bevölkern der geschützten Gebetsstätte (den Werken) dessen gleich, der an Allah und den Jüngsten Tag glaubt und sich auf Allahs Weg abmüht? Sie sind nicht gleich bei Allah.“ (at-Tauba, 9:19)
Dieser Vers schmälert den religiösen Dienst nicht, sondern ordnet ihn korrekt ein und macht deutlich, dass religiöse Form ohne moralischen Kern und lebendigen Glauben nicht ausreicht.
Wenn das Gleichgewicht verloren geht
In unseren heutigen Gesellschaften zeigt sich die Störung der Prioritäten in vielfältiger Weise. Bei vielen jungen Menschen erhält der Körper eine absolute Vorrangstellung gegenüber Verstand und Seele. Unterhaltung wird höher geschätzt als Familie, Berühmtheit mehr als Wissen, und vergängliche Bildschirmfiguren werden zu Idolen – nicht Denker und Träger von Werten.
Der Qur’an erinnert uns daran, dass diese Reduktion des Menschen eine Ungerechtigkeit gegenüber ihm selbst und der Gesellschaft darstellt. Weder Leben noch Zeit noch menschliche Energie sind dafür bestimmt, sinnlos, ziellos und ungeordnet verbraucht zu werden.
Doch auch in religiösen Kreisen ist ein Verlust des Gleichgewichts zu beobachten. Menschen engagieren sich mit Leidenschaft in nebensächlichen Fragen, während sie Familie, Charakterbildung, Wissen und gesellschaftliche Verantwortung vernachlässigen. Mitunter wird Härte als Frömmigkeit dargestellt, während Klugheit als Kompromiss diffamiert wird.
Der Prophet s.a.w.s. warnte eindringlich vor dieser Abweichung, als er sagte: „Zugrunde gegangen sind die Übertreibenden in der Religion“, und als er einem Gefährten gegenüber – der durch übermässige Verlängerung des Gebets andere belastete – mahnte: „O, ihr Menschen, unter euch gibt es solche, die andere vom Gebet und von der Religion abschrecken.“ (Bukhari und Muslim)
Der Islam verlangt keine Erschöpfung der Seele, sondern ihre Erhellung.
Die Weisheit der islamischen Werteordnung
Die islamische Tradition ist eine Tradition des Gleichgewichts. Sie unterscheidet zwischen dem, ohne das das Leben zerbricht (daruriyyat), dem, ohne das es beschwerlich wird (hadschiyyat), und dem, was das Leben verschönert (tahsiniyat). Deshalb betrachtet der Islam den Schutz des Lebens, des Verstandes, der Religion, der Familie, des Eigentums und der Würde als Fundament jeder gesunden Ordnung.
Werden diese Prioritäten missachtet, entstehen Konflikte und Ungerechtigkeiten. Darum betonen prophetische Prinzipien, dass Übel nicht durch ein grösseres Übel beseitigt werden darf und dass ein kleinerer Schaden nur toleriert wird, um einen grösseren zu verhindern.
In der islamischen Geschichte bestand eine der grössten Gefahren stets darin, die Form zu absolutisieren und dabei den Zweck zu vernachlässigen. Das Beispiel des Vertrags von al-Hudaibiya bleibt ein zeitloses Modell der Weisheit im Umgang mit Prioritäten: Der Prophet s.a.w.s. verzichtete auf symbolisch bedeutsame Formulierungen, die den Gefährten lieb waren, um Frieden, Leben und die Zukunft der islamischen Botschaft zu bewahren. Es war eine klare Lehre: Nicht jeder Rückzug ist ein Verlust, und nicht jedes Beharren ein Sieg. Es war der Sieg des Ziels über die Form.
Qualität – nicht bloss Quantität
Der Islam lässt sich nicht von Zahlen täuschen. Der Qur’an formuliert dieses Prinzip unmissverständlich: „Wie so manch eine geringe Schar hat schon mit Allahs Erlaubnis eine grosse Schar besiegt!“ (al-Baqara, 2:249)
Der Prophet s.a.w.s. warnte davor, dass eine Zeit kommen werde, in der die Muslime zwar zahlreich seien, jedoch ohne wahres Gewicht – „wie der Schaum auf dem Wasser“ –, weil die Liebe zu dieser Welt und die Scheu vor Opferbereitschaft ihre Herzen beherrschen würden. Dies ist die prophetische Beschreibung einer Gesellschaft, die ihre Prioritäten verloren hat. Eine Gesellschaft verliert ihre Kraft nicht dann, wenn sie zahlenmässig kleiner wird, sondern wenn sie ihre moralischen Prioritäten einbüsst.
Ebenso gibt der Islam dem Wissen den Vorrang vor blindem Handeln. Der erste offenbarte Vers beginnt mit „Lies!“ (Iqra’), nicht als Aufruf zu mechanischem Auswendiglernen, sondern zu bewusstem, verstehendem Lesen. Frömmigkeit ohne Wissen hat in der Geschichte schwere religiöse Fehlentwicklungen hervorgebracht – von den frühen Kharidschiten (Khawaridsch) bis zu modernen Formen des Extremismus.
Religion als Erleichterung, nicht als Last
Im Kern kam der Islam, um das Leben zu ordnen, nicht um es unerträglich zu machen. Er baut den Menschen nicht auf Überforderung, sondern auf Tragfähigkeit auf. Der Qur’an sagt eindeutig: „Allah will für euch Erleichterung und will für euch keine Erschwernis.“ (al-Baqara, 2:185)
Im persönlichen Leben bedeutet dies, dass der Mensch nicht daran gemessen wird, wie schwer der von ihm gewählte Weg ist, sondern wie richtig und wie nützlich er ist. Hingabe, die Familie, Gesundheit oder Verstand zerstört, ist keine Frömmigkeit, sondern ein Missverständnis der Religion.
Der Prophet s.a.w.s. setzte dieses Prinzip praktisch um, als er sagte: „Macht es leicht und erschwert es nicht; verkündet frohe Botschaft und schreckt nicht ab!“ (Bukhari und Muslim)
Wenn Formalismus und Literalismus das verengen, was die Religion weit gelassen hat, verliert sie ihre heilende Funktion und wird zu einer psychischen und gesellschaftlichen Last.
Eine Lehre für unsere Zeit
Die Erkenntnis und Achtung von Prioritäten ist kein theoretischer Luxus, sondern eine existentielle Notwendigkeit für Individuum und Gesellschaft. Mit dem Wandel von Zeit, Ort und Umständen ändern sich die Formen des Engagements – doch das Bedürfnis nach Ordnung, Gleichgewicht und Weisheit bleibt unverändert.
Der Islam fordert uns nicht nur auf, gute Taten zu verrichten. Er ruft uns dazu auf, die richtige Tat zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und mit der richtigen Absicht zu tun. Erst dann wird Religion zu einer gestaltenden Kraft und nicht zu einem seelenlosen Identitätssymbol. Erst dann bleibt Religion eine Quelle von Leben, Gerechtigkeit und Hoffnung – und nicht eine Last oder ein Banner der Spaltung.
