Rehan Neziri
Der Muslim als Wegbereiter des Guten, Nützlichen und Schönen
(Predigt)
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Das Thema, mit dem wir uns befassen, berührt den Kern der Frage, wie der gläubige Muslim seine Präsenz und seine Aufgabe im Leben versteht: „Der Muslim ist ein Wegbereiter des Guten, des Nützlichen und des Schönen.“ Diese Sichtweise entspringt unmittelbar der göttlichen Rechtleitung des edlen Qur’ans und findet ihre vollkommenste Ausprägung im Leben und Vorbild des Propheten Muhammad s.a.w.s.
Religiosität bedeutet in ihrem tiefsten Sinne keinen Rückzug aus dem Leben, sondern eine bewusste Präsenz mitten im Leben. Sie ist nicht nur eine innere Erfahrung, sondern eine Kraft, die sich in Güte, Nutzen und Schönheit verwandelt. Der Muslim ist dazu aufgerufen, das Gute anzustossen, Nutzen zu stiften und die Schönheit in allen Bereichen seines Lebens sichtbar werden zu lassen.
1. Der Muslim: Wegbereiter des Guten
Muslim zu sein ist kein passiver Status, sondern eine aktive Aufgabe und eine Verantwortung, die zum Handeln verpflichtet. Allah, der Erhabene, sagt im edlen Qur’an:
كُنْتُمْ خَيْرَ أُمَّةٍ أُخْرِجَتْ لِلنَّاسِ تَأْمُرُونَ بِالْمَعْرُوفِ وَتَنْهَوْنَ عَنِ الْمُنْكَرِ وَتُؤْمِنُونَ بِاللَّهِ...
„Ihr seid die beste Gemeinschaft, die für die Menschen hervorgebracht worden ist: Ihr gebietet das Gute, verbietet das Verwerfliche und glaubt an Allah ...“ (Alu Imran, 3:110)
Diese Worte sind nicht nur eine Würdigung, sondern vor allem eine Verantwortung und ein anvertrauter Auftrag. Der Wert eines Muslims zeigt sich in dem Guten, das er in seinem Umfeld sät, in den Werten, die er vermittelt, in der Gerechtigkeit, für die er eintritt, und in dem Dienst, den er seinen Mitmenschen erweist.
Allah, der Erhabene, sagt:
أُولٰئِكَ يُسَارِعُونَ فِي الْخَيْرَاتِ وَهُمْ لَهَا سَابِقُونَ
„Sie sind es, die sich mit Eifer um die guten Dinge bemühen und ihnen darin vorangehen.“ (al-Mu’minun, 23:61)
Der Qur’an beschreibt den Muslim nicht als jemanden, der das Gute lediglich gutheisst, sondern als einen Menschen, der dem Guten entgegeneilt. Er wartet nicht darauf, dass andere die Initiative ergreifen, sondern bemüht sich, zu den Ersten zu gehören, die den Weg für eine gute und nützliche Tat ebnen.
Der Prophet Muhammad s.a.w.s. verkörperte dieses Prinzip in vollkommenster Weise. In den ersten Augenblicken der Offenbarung beschrieb ihn seine Ehefrau Khadidscha r.a. mit Worten, die von einem ganzen Leben im Dienste des Guten zeugen:
„Du pflegst die Verwandtschaftsbande, unterstützt die Schwachen, hilfst den Bedürftigen, ehrst den Gast und stehst den Menschen in jeder gerechten Sache bei.“ (Bukhari und Muslim)
Dies ist das Bild eines Menschen des Glaubens: eines Menschen, dessen Gegenwart Gutes bewirkt. In der Familie, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz und in der Gesellschaft sollte der Muslim als jemand bekannt sein, der Gutes bewirkt, Spannungen abbaut, Lasten erleichtert und Wege der Hoffnung eröffnet.
Wenn er Ungerechtigkeit sieht, bleibt er nicht gleichgültig, sondern reagiert mit Weisheit. Wenn er Armut und Not sieht, begnügt er sich nicht mit Mitgefühl, sondern reicht eine helfende Hand. Wenn er mit Konflikten konfrontiert wird, vertieft er nicht die Gräben, sondern bemüht sich, Brücken der Versöhnung zu bauen.
Der Prophet Muhammad s.a.w.s. sagte:
مَنْ رَأَى مِنْكُمْ مُنْكَرًا فَلْيُغَيِّرْهُ بِيَدِهِ، فَإِنْ لَمْ يَسْتَطِعْ فَبِلِسَانِهِ، فَإِنْ لَمْ يَسْتَطِعْ فَبِقَلْبِهِ...
„Wer von euch etwas Verwerfliches sieht, der soll es mit seiner Hand ändern. Wenn er dazu nicht imstande ist, dann mit seiner Zunge; und wenn er auch dazu nicht imstande ist, dann mit seinem Herzen ...“ (Muslim)
Religiosität verträgt sich daher nicht mit Gleichgültigkeit. Sie weckt das Gewissen und bewegt den Menschen dazu, selbst Teil des Guten zu werden – jeder entsprechend seinen Möglichkeiten und seiner Verantwortung.
2. Der Muslim: Wegbereiter des Nützlichen
Der Islam verlangt vom Menschen nicht nur persönliche Frömmigkeit, sondern auch gesellschaftlichen Nutzen. Der Muslim ist dazu aufgerufen, von sich selbst zu geben – von seinem Wissen, seiner Zeit, seinen Fähigkeiten und seinem Vermögen –, damit seine Gegenwart auch für andere von Wert ist.
Er trägt zum Fortschritt der Welt, zur Entwicklung des Wissens, zur Gestaltung des Lebens und zum Aufbau der Gesellschaft bei, unabhängig davon, in welchem Land oder Staat er lebt.
Der Prophet Muhammad s.a.w.s. sagte:
أَحَبُّ النَّاسِ إِلَى اللهِ أَنْفَعُهُمْ لِلنَّاسِ وَأَحَبُّ الْأَعْمَالِ إِلَى اللهِ سُرُورٌ تُدْخِلُهُ عَلَى مُسْلِمٍ …
„Die Menschen, die Allah am meisten liebt, sind jene, die ihren Mitmenschen am meisten nützen. Und zu den Taten, die Allah am meisten liebt, gehört es, Freude in das Herz eines Menschen zu bringen.“ (at-Tabarani)
Nutzen kann viele Formen annehmen. Er kann in Wissen bestehen, das wir an andere weitergeben; in einem Wort, das einen Menschen in schwierigen Zeiten tröstet; in einer Hand, die einem Waisenkind hilft; im Bau einer Schule oder in der Sorge um einen öffentlichen Raum. Ebenso kann Nutzen durch Vermögen gestiftet werden, das in Bildung, humanitäre Hilfe und in Dienste investiert wird, die das Leben der Gesellschaft verbessern.
Allah, der Erhabene, sagt:
وَابْتَغِ فِيمَا آتَاكَ اللَّهُ الدَّارَ الْآخِرَةَ وَلَا تَنْسَ نَصِيبَكَ مِنَ الدُّنْيَا وَأَحْسِنْ كَمَا أَحْسَنَ اللَّهُ إِلَيْكَ وَلَا تَبْغِ الْفَسَادَ فِي الْأَرْضِ إِنَّ اللَّهَ لَا يُحِبُّ الْمُفْسِدِينَ
„Strebe mit dem, was Allah dir gegeben hat, nach der jenseitigen Wohnstätte, und vergiss dabei deinen Anteil am Diesseits nicht. Tue Gutes, so wie Allah dir Gutes getan hat, und trachte nicht nach Unheil auf Erden; denn Allah liebt diejenigen nicht, die Unheil stiften.“ (al-Qasas, 28:77)
Dieses Gleichgewicht ist von besonderer Bedeutung: Der Muslim richtet seinen Blick auf das Jenseits – die Akhira, steht mit beiden Füssen jedoch fest in der Verantwortung für diese Welt. Er betrachtet das irdische Leben nicht als einen bedeutungslosen Raum, sondern als ein Feld des Handelns, des Gestaltens und der Verantwortung.
Deshalb beschränkt sich der Nutzen nicht auf den engeren religiösen Bereich. Er umfasst ebenso die wirtschaftliche, bildungsbezogene, wissenschaftliche, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung. Der Muslim soll in Medizin, Technologie, Bildung, Bauwesen, Justiz und in jedem anderen Bereich präsent sein, in dem sein Wissen und seine Arbeit dem Menschen dienen können.
Jeder ehrliche Beruf, jedes Wissen, das das Leben erleichtert, und jede Anstrengung, die der Gesellschaft zugutekommt, gewinnt eine höhere spirituelle Dimension, wenn sie mit aufrichtiger Absicht, Verantwortungsbewusstsein und ethischen Grundsätzen verbunden ist.
3. Der Muslim: Wegbereiter des Schönen
Der Islam ist eine Religion der Schönheit, und der Muslim ist dazu aufgerufen, diese Schönheit in seinem Wesen, seinem Verhalten und seiner Umgebung widerzuspiegeln. Schönheit ist aus islamischer Sicht nichts Oberflächliches und beschränkt sich auch nicht auf die äussere Erscheinung. Sie umfasst den Menschen in seiner Ganzheit: die körperliche Schönheit, die innere Schönheit und die Schönheit des Lebensraumes, in dem er lebt und wirkt.
Der Prophet Muhammad s.a.w.s. brachte dieses Prinzip mit folgenden Worten zum Ausdruck:
إِنَّ اللهَ جَمِيلٌ يُحِبُّ الْجَمَالَ
„Allah ist schön und liebt die Schönheit.“ (Muslim)
Der Muslim achtet zunächst auf seine innere, geistige Schönheit. Er bemüht sich, sein Herz von Neid, Hass, Hochmut und Bosheit zu reinigen und es zugleich mit Aufrichtigkeit, Barmherzigkeit, Geduld, Vergebung und Wohlwollen zu schmücken. Denn die wertvollste Schönheit des Menschen ist jene, die aus seinem Inneren hervorgeht und in seinem Charakter sichtbar wird.
Doch ebenso achtet er auf seine körperliche Schönheit und sein äusseres Erscheinungsbild. Sauberkeit, Hygiene, Ordnung, angemessene Kleidung und die Pflege des Körpers stehen keineswegs im Widerspruch zur Frömmigkeit. Im Gegenteil: Sie gehören zur Kultur eines Muslims. Schönheit bedeutet hier nicht Luxus, Selbstdarstellung oder Übertreibung, sondern Sauberkeit, Würde, Mass, Eleganz und guten Geschmack.
Die Verantwortung des Muslims für die Schönheit endet jedoch nicht bei ihm selbst. Er trägt auch Sorge für die Schönheit der Welt, die ihn umgibt.
Das Haus, in dem er lebt, der Hof, die Nachbarschaft, die Strasse, die Moschee, der Park, der Wald, der Fluss und jeder gemeinschaftlich genutzte Raum gehören zu jener Umwelt, für die der Muslim Verantwortung trägt. Es genügt nicht, persönlich sauber zu sein und zugleich Schmutz hinter sich zu lassen; die eigenen Häuser zu pflegen und gleichzeitig Strassen, Parks und öffentliche Räume zu vernachlässigen.
Der Muslim darf die Umwelt nicht verschmutzen, sondern soll ihr Hüter und Bewahrer sein.
Er wirft keinen Abfall dorthin, wo andere Menschen leben und sich bewegen. Er beschädigt keine Grünflächen. Er verschwendet weder Wasser noch die Ressourcen, die ihm anvertraut wurden. Den öffentlichen Raum betrachtet er nicht als Niemandsland, sondern als Gemeingut, für das auch er Verantwortung trägt.
Der Schutz der Umwelt ist in diesem Sinne auch Ausdruck einer vom Glauben geprägten Haltung. Eine saubere Nachbarschaft, eine gepflegte Strasse, ein geschützter Park, sauberes und unverschmutztes Wasser sowie bewahrte Grünflächen sind nicht nur Fragen der Ästhetik. Sie stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Lebensqualität, der Gesundheit der Menschen und unserer Verantwortung gegenüber den kommenden Generationen.
Das Pflanzen eines Baumes, die Pflege von Grünflächen, ein sparsamer Umgang mit Wasser, die Vermeidung von Verschwendung, das Beseitigen von Abfällen und die Reinhaltung gemeinschaftlicher Räume mögen daher auf den ersten Blick kleine Taten sein, doch sie zeugen von einem grossen Verantwortungsbewusstsein.
Allah, der Erhabene, sagt im Qur’an:
لَقَدْ خَلَقْنَا الْإِنْسَانَ فِي أَحْسَنِ تَقْوِيمٍ
„Wir haben den Menschen wahrlich in schönster Gestalt erschaffen.“ (at-Tin, 95:4)
Diese Schönheit der Schöpfung ist zugleich eine Aufforderung an den Menschen, das, was Allah schön erschaffen hat, nicht zu verunstalten. Die Schönheit, die der Muslim in seinem Inneren pflegt, soll auch in seiner Umgebung sichtbar werden.
Wenn sein Herz rein ist, soll auch sein Wort rein sein. Wenn sein Körper und seine Kleidung gepflegt sind, soll auch der Ort, an dem er lebt, von Ordnung zeugen. Wenn er die Schönheit liebt, soll er dazu beitragen, dass auch andere Menschen in einer sauberen, gesunden und schönen Umgebung leben können.
So schafft das islamische Verständnis von Schönheit eine umfassende Harmonie: Schönheit der Seele, Schönheit des Menschen und Schönheit der Umwelt. Keine dieser Dimensionen darf auf Kosten einer anderen verwirklicht werden.
Unser höchstes Vorbild bleibt der Prophet Muhammad s.a.w.s., über den Allah, der Erhabene, im Qur’an sagt:
لَقَدْ كَانَ لَكُمْ فِي رَسُولِ اللَّهِ أُسْوَةٌ حَسَنَةٌ…
„Ihr habt im Gesandten Allahs wahrlich ein hervorragendes Vorbild ...“ (al-Ahzab, 33:21)
4. Der Muslim im Westen: nicht nur Bewohner, sondern ein Mehrwert für die Gesellschaft
Für den Muslim, der im Westen und insbesondere in Europa lebt, erhält die Aufgabe, Wegbereiter des Guten, Nützlichen und Schönen zu sein, eine sehr konkrete Bedeutung. Er lebt unter Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kulturen, Überzeugungen und Lebensweisen. Gerade in dieser Realität soll sich sein Glaube nicht in der Abgrenzung von der Gesellschaft zeigen, sondern in einer verantwortungsvollen, konstruktiven und würdevollen Präsenz in ihrer Mitte.
Der Muslim sollte sich nicht damit begnügen, lediglich in einem Land zu leben. Er sollte sich vielmehr fragen: Was trage ich zum Guten in dem Land bei, in dem ich lebe? Welchen Nutzen hat die Gesellschaft von meiner Anwesenheit? Welche schönen Spuren hinterlasse ich?
Auf der Ebene des Guten soll er ein vertrauenswürdiger Mensch sein: ein guter Nachbar, ein verlässlicher Kollege, ein verantwortungsbewusster Bürger und ein Mensch, der die Würde des anderen achtet. Er misst das Gute nicht nur an dem, was er innerhalb seines eigenen Umfelds tut, sondern auch daran, wie er jedem Menschen begegnet. Seine Religiosität soll sich in der Ehrlichkeit bei der Arbeit, im Einhalten seines Wortes, in der Achtung der Rechte anderer sowie in der Fürsorge für ältere, schwache und bedürftige Menschen zeigen.
Es genügt nicht, nur über die Werte des Islam zu sprechen; die Menschen müssen diese Werte in unserem Verhalten erkennen können.
Auf der Ebene des Nützlichen soll der Muslim danach streben, aktiv an der Entwicklung der Gesellschaft mitzuwirken, in der er lebt. Er soll sich bilden, professionell arbeiten, gestalten, forschen, Initiative ergreifen und Verantwortung übernehmen. Ein muslimischer Arzt soll danach streben, ein hervorragender Arzt zu sein; ein Lehrer ein engagierter Lehrer; ein Arbeitnehmer ein ehrlicher und gewissenhafter Arbeitnehmer; ein Unternehmer ein ethisch verantwortungsvoller Unternehmer; und ein Student ein Mensch, der nach Wissen und Exzellenz strebt.
Die Gesellschaft soll den Muslim nicht nur an der Identität erkennen, zu der er sich bekennt, sondern auch an dem Nutzen, den er schafft.
In Europa zu leben und von Sicherheit, Bildung, Infrastruktur, gesellschaftlicher Ordnung und den Möglichkeiten zu profitieren, die Gesellschaft und Staat bieten, ohne zugleich Verantwortung dafür zu empfinden, zum Gemeinwohl beizutragen, wäre ein unvollständiges Verständnis der Rolle des Muslims. Wo du lebst, dort liegt auch ein Teil deines Wirkungsfeldes.
Auf der Ebene des Schönen wird diese Verantwortung ebenso sichtbar. Der Muslim soll Schönheit in die Art und Weise bringen, wie er spricht, sich kleidet, sich verhält und mit gemeinschaftlich genutzten Räumen umgeht. Sein Zuhause, sein Hof, der Eingangsbereich seines Wohnhauses, die Moschee, die Strasse, der Park und die Nachbarschaft sollen von einer Kultur der Sauberkeit und des Verantwortungsbewusstseins zeugen.
Es ist nicht überzeugend, von Sauberkeit als einem Wert des islamischen Glaubens zu sprechen und gleichzeitig Abfall im öffentlichen Raum zurückzulassen. Es genügt nicht, für die Sauberkeit der Moschee Sorge zu tragen, wenn uns der Schmutz auf der Strasse vor ihr gleichgültig lässt. Und wir können die Schönheit nicht nur innerhalb der eigenen vier Wände lieben, während uns die Umwelt, die wir mit anderen teilen, gleichgültig ist.
Die Strasse ist auch unsere Strasse. Der Park ist auch unser Park. Der Wald, der Fluss und die Luft liegen auch in unserer Verantwortung.
Der Muslim, der in Europa lebt, soll zu jenen gehören, die die Umwelt schützen, sparsam mit Wasser und Energie umgehen, Verschwendung vermeiden, Grünflächen bewahren und gemeinschaftlich genutzte Räume pflegen. Nicht nur, weil dies eine Forderung der modernen Gesellschaft ist, sondern weil der verantwortungsvolle Umgang mit den anvertrauten Gaben und die Vermeidung von Schaden Teil seines religiösen Bewusstseins sind.
Auf diese Weise bleibt die islamische Identität nicht in sich selbst verschlossen, sondern wird zu einem Beitrag für die Gesellschaft.
Der Muslim im Westen muss seinen Glauben nicht dadurch unter Beweis stellen, dass er sich von der Gesellschaft abgrenzt, sondern dadurch, dass er zeigt, was für einen Menschen sein Glaube aus ihm macht. Er kann in seiner Identität und seinen Prinzipien fest verwurzelt sein und zugleich offen für Zusammenarbeit, gerecht im Umgang mit anderen und dem Gemeinwohl dienlich sein.
Die Frage, die wir uns stellen sollten, lautet deshalb nicht nur: „Wie bewahre ich meinen Glauben in Europa?“. Wir müssen einen Schritt weitergehen und fragen: „Welches Gute hat mein Glaube an dem Ort bewirkt, an dem ich lebe?“; „Wem haben mein Wissen, meine Arbeit und meine Fähigkeiten gedient?“; „Ist meine Umgebung auch durch meine Anwesenheit sauberer, schöner und menschlicher geworden?“
Wenn der Muslim tatsächlich ein Wegbereiter des Guten, Nützlichen und Schönen ist, dann muss seine Anwesenheit Spuren hinterlassen. Keine Spuren des Lärms, sondern Spuren von Wert. Nicht nur Worte über den Islam, sondern Güte, die Menschen erfahren, Nutzen, den sie sehen, und Schönheit, die sie spüren.
So ist der Muslim in Europa nicht einfach jemand, der für sich selbst einen Platz in der Gesellschaft sucht. Vielmehr bemüht er sich, durch seinen Glauben, seinen Charakter, sein Wissen und seine Arbeit den Ort, an dem er lebt, ein Stück besser zu hinterlassen, als er ihn vorgefunden hat.
Schluss
Wegbereiter des Guten, Nützlichen und Schönen zu sein, ist nicht nur ein Ideal, sondern eine Art, den Glauben zu leben. Der islamische Glaube bleibt nicht allein im Herzen und auch nicht innerhalb der Mauern der Moschee; er wird sichtbar im Charakter, in der Arbeit, im Umgang mit den Menschen und in der Verantwortung gegenüber Gesellschaft und Umwelt.
Der Muslim bemüht sich, überall dort, wo er lebt, etwas Besseres zu hinterlassen, als er vorgefunden hat: Wo Not herrscht, bringt er Hilfe; wo Unwissenheit herrscht, Wissen; wo Spaltung herrscht, baut er Brücken; und wo Unsauberkeit und Vernachlässigung herrschen, bringt er Sauberkeit, Fürsorge und Schönheit.
Diese Verantwortung erhält für den Muslim, der in Europa lebt, eine besondere Bedeutung. Er soll nicht nur die Möglichkeiten nutzen, die ihm die Gesellschaft bietet, sondern auch Werte schaffen und zum Gemeinwohl beitragen. Sein Glaube soll nicht nur daran erkannt werden, was er über den Islam sagt, sondern an der Güte, die Menschen durch ihn erfahren, an dem Nutzen, den er schafft, und an den schönen Spuren, die er hinterlässt.
Deshalb sollte sich am Ende jeder von uns diese Fragen stellen: Welches Gute habe ich bewirkt? Welchen Nutzen habe ich geschaffen? Welche schönen Spuren habe ich hinterlassen?
Denn der Muslim geht nicht einfach durchs Leben und nimmt darin lediglich einen Platz ein. Er bemüht sich, den Ort, an dem er lebt, besser zu machen, dem Menschen an seiner Seite mehr Hoffnung zu geben und die Welt, die er hinterlässt, ein Stück schöner zu machen.
Das ist der Weg des Muslims: gut im Charakter, nützlich im Handeln und schön in den Spuren, die er hinterlässt.

